Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Die Illusion der bedingungslosen Liebe

Anknüpfung an den kürzlich geschriebenen Artikel „Was ist Liebe?“

Ja, davon träumen wir alle. Samstagabend ungeduscht in Unterhemd und Schlafanzughose tief im Sofa versunken, die Bierflasche von gestern Abend und die Pappschachtel des Pizzaservice stehen noch auf dem Tisch, fünf Stunden Live-Dart-TV-Marathon liegen hinter uns, das Zeitfenster für den wochenendlichen Familieneinkauf wird immer kleiner und der Partner betritt die Bühne mit einem gehauchten „Ach, ich liebe dich soooo unendlich!“

*Scratch*, jemand wischt die Plattennadel schroff vom Vinyl.

Neee, die Wirklichkeit sieht anders aus.

Was uns „grenzenlose Mutterliebe“ über knapp zwei Jahrzehnte (oder darüber hinaus) eingebläut hat, entpuppt sich in der sozialen Interaktion als blanker Größenwahn.

Manch einer möge auf wahrhafter Grundlage konstatieren, dass das oben beschriebene Szenarium jeglichem autobiografischen Hintergrund entbehrt, aber den Stempel für „bedingungslos liebenswert“ bekommt er damit noch lange nicht. Nie und nimmer.

Das Buch „Warum ich ihn/sie grundlos lieb(t)e“ ist noch nicht geschrieben und wird es auch nie werden.

Es gibt immer ein Für. Für das Verhalten der geliebten Person (Tugenden, Charakter usw. usw.), für seine Schönheit (Kraft, Charme usw. usw.), selbst schlechte Eigenschaften (Missachtung, Misshandlung) kann man lieben. Irgendetwas muss vorhanden sein. Meist ist es natürlich eine komplexe (teuflische) Mischung aus Eigenschaften, die man je nach eigener Tagesform und der des Geliebten unterschiedlich werten kann.

Beleuchten wir das ganze etwas ernsthafter:

Eine der besonderen Eigenschaften der Liebe ist, wenn man sie nach den Grundsätzen des Artikels „Was ist Liebe?“ definiert, dass sie eine hohe Toleranz in sich fasst. Ein hohes Maß an Fähigkeit, zu verzeihen.

Dem geliebten Menschen gewährt man zahlreiche Chancen, die Merkmale zum Ausdruck zu bringen, die ihn aus subjektiver Sicht liebenswürdig machen. Oft genügt sogar schon das Bemühen darum. Man wendet sich nicht einfach ab, sondern bringt in der Regel zur Sprache, was missfällt, bietet Hilfestellung an (bisweilen bis zur Selbstaufopferung).

Und wenn wir ganz ehrlich in uns hineinhorchen: Wer fühlt sich geehrt, wenn er geliebt wird, ohne dass er dazu im geringsten etwas beiträgt?

Ja, die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe bleibt.

Geheilt bzw. gestillt wird sie auf der Couch oder vor dem Christuskreuz…

4 Kommentare zu “Die Illusion der bedingungslosen Liebe

  1. wechselweib
    25. November 2018

    Bedingungslos heißt für mich nicht grundlos, sondern dass ich keine Bedingungen stelle: wenn du mich liebst dann… Oder noch schlimmer: wenn du mich lieben würdest dann… Wenn dieser letzte Satz fällt, ist die Liebe meist schon tot oder zumindest gefährdet.

  2. Erdbeere
    25. November 2018

    Wenn man Glück hat, erfindet und kreiert man sein ganzes Leben lang ein bisschen oder auch mehr Liebe. Das Leben leben wir in Phasen, manchmal glückt uns liebe,i n manchen Zeiten weniger. Liebe existiert und gehört zum Leben,nur sollte man realistisch bleiben und nicht unmaessig.

  3. Erdbeere
    25. November 2018

    Normaletweise ist auch die Liebe der Kinder zu ihrer Mutter und Vater existent,auch wenn sies nichts sagen. Sie ist normalerweise einfach gewachsen.des halb kann man froh sein,wenn man Kinder hat,denn diese liebe dauert ein Leben,auch aus der Entfernung.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. November 2018 von in Gesellschaft, Kultur und getaggt mit , , , , .

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