Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Was ist Liebe?

Was ist oder was bedeutet Liebe ist eine der Fragen, die mich in meinem Leben mit am meisten aufgewühlt haben. Zunächst muss man den Begriff möglichst genau definieren und auf seine Grundbedeutung herunterbrechen. Liebe ist eine Emotion, sie ist definitionsgemäß nicht (allein) durch Vernunft oder Sinnhaftigkeit zu erklären.

Eine Emotion muss nicht allgemeingültig für alle Menschen sein. Liebe wird aber in allen menschlichen Kulturen beschrieben, wenn auch in verschiedenen Varianten. Sie hat bei Verlust oder ausbleibender Erwiderung Schmerz zur Folge. Gelingt sie, bedeutet sie für viele Menschen das größte Glück. Auch Tiere höherer Gattung sind offenbar liebesfähig, was die These unterstreicht, dass Liebe biologischen und nicht kulturellen Ursprungs ist. Oder wie es der Harvard-Philosoph Robert Nozick salopp formuliert hat:

„Verliebtheit, körperliche Zuneigung und Sex sind der Leim, der es fertigbringt, die Leute so lange zusammenzuhalten bis sie festgeklebt sind bzw. bis sie sich lieben (oder wieder trennen).“

Was meinen wir aber, wenn wir zu jemandem „Ich liebe dich“ sagen? Individuell ist das selbstverständlich sehr unterschiedlich, aber auch kulturell zeigen sich Differenzen. Wenn der Amerikaner “I love you” sagt und der Franzose “Je t’aime”, heißt das nicht das selbe. Dennoch hat das Substantiv „Love“ eine größere Bedeutung oder die Formulierung „I’m in love with someone“. Was für eine Botschaft senden wir mit der Aussage „Ich liebe Dich“ nach deutschem Sprachverständnis an den Geliebten? Wie ist die Rezeption? Welche Erwartungshaltung löst dieser kurze Satz aus bzw. welche Verantwortung impliziert sie für den Liebenden? Blickt man auf die reichliche Literatur, Theaterwerke und Filme zum Thema Liebe zurück, so scheint der Liebende offensichtlich zu allem bereit. Lassen wir die Bereitschaft, sein eigenes Leben zu opfern, was eine nicht geringe Anzahl Liebender tun würde oder tat, außen vor, so ist der Liebende doch zumindest bereit, sich intensiv um den Geliebten zu kümmern, für ihn da zu sein, ihn gegenüber nahezu allen anderen Menschen in nahezu jedem Anliegen zu bevorzugen (exklusive der eigenen Kinder, Eltern oder Geschwister vielleicht). Wenn nicht das Leben, so ist man zumindest bereit sehr viel Zeit oder Mühe für den Geliebten zu opfern. Alles andere wäre nur Verliebtheit oder eine Schwärmerei.

Nach Lacan und einigen anderen Theoretikern fordern wir vom Liebenden nicht weniger als die erfahrene Mutterliebe ein. Mutterliebe, erlebt oder nicht erlebt, ist dennoch in ihren Facetten immer einzigartig prägend. Was ist aber mit der Partnerliebe? Ist der Geliebte ersetzbar, austauschbar, gar optimierbar? Hier sollten wir zur vorher dargelegten Definition von Liebe zurückkehren bzw. den Kern noch einmal herausarbeiten. Lieben bedeutet, den geliebten Menschen als einzigartig zu verstehen, dessen Eigenschaften durch keinen anderen Menschen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Liebenden übertroffen werden können, auch wenn es natürlich theoretisch oder objektiv denkbar wäre. Diese Überzeugung hat eine gewisse Dauerhaftigkeit (sonst wäre sie wertlos). Manch einer würde sagen, eine Dauerhaftigkeit, von der Überzeugung abzukommen, die Erde wäre eine Kugel, stattdessen flach wie eine Scheibe. Und hier beginnen wohl nicht wenige Menschen, sich etwas vorzumachen. Sie täten wohl besser daran, „Ich mag dich“ oder „Ich habe dich sehr gern“ zu sagen, weil sie von der unmittelbaren Unersetzbarkeit ihres Partners nicht überzeugt sind. Aber vielleicht sagen sie auch nur das, was das Gegenüber unbedingt hören möchte.

Was eine andere Frage aufwirft. Wie viele Menschen sind bereit und stark genug, ohne den passenden Partner gefunden zu haben, allein durchs Leben zu gehen? Suchen wir um so mehr nach Liebe oder lieben wir leichter, geben uns der Illusion der Liebe hin, um so größer unser Sicherheitsbedürfnis ist?

Das anrührende der Liebe ist und bleibt, dass Menschen hier mitunter gegen ihr egoistisches Gen handeln, sich opfern für etwas, was größer ist als der Mensch selbst.

2 Kommentare zu “Was ist Liebe?

  1. zeitspiegel
    10. September 2018

    Hundeliebe

    Kann man einen Hund lieben? Schlichte Antwort: Warum nicht? Kann ein Hund einen Menschen lieben? Da wird es schon schwieriger. Beruht die Zuneigung des Hundes auf freiwilliger Basis? Von gleichberechtigten Partnern kann wohl kaum die Rede sein, eher besteht ein Abhängigkeitsverhältnis. Allerdings gab es auch Liebesverhältnisse zwischen Geiseln, Sklaven und ihren Peinigern. Eine wirkliche Wahl hat ein Hund letztendlich nicht. Zuneigung ist hier andressierbar, mag ein Zyniker sagen, bei so manchen Menschen auch. Andressierbare Zuneigung, gar Liebe, welch schöne Illusion? Es scheinen doch beide zu profitieren, Herrchen und Hund. Ewige Liebe. Hund und Halter haben sich nicht irgendwann auseinandergelebt und ein Hundeleben währt schon gar nicht ewig. Nun gut, ich muss jetzt Gassi gehen.

  2. zeitspiegel
    12. September 2018

    Wenn es überhaupt ein Liebesideal gibt, dann, dass sich zwei Menschen frei füreinander entscheiden können.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. September 2018 von in Essays, Gesellschaft und getaggt mit , , .
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