Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Verrückt – normal – perfekt?

Wer sind wir? Was machen wir hier? Keine abgehobenen philosophischen Fragen über das Sein, sondern Fragen, die sich jeder Twitterer mitunter oder wiederkehrend stellt oder vielleicht stellen sollte.
Die größte Frage ist die nach der Diskrepanz zwischen Illusion/Wunsch und Realität. Die Mehrheit der Twitterer gibt sich als „anders als der mainstream“, „unverstanden“ oder „origineller als der Rest“. Vor allem gibt sich die Mehrheit der Twitterer anders als sie sind! Wobei natürlich die Projektionsfläche auch so zurückstrahlt, wie man es sich selbst wünscht. Die Mehrheit der Twitterer ist tatsächlich „anders“, sowohl anders als der mainstream als auch anders, als sie sich präsentieren, wenn man sie im RL trifft. Wenn wir/man ganz ehrlich sind/ist, ist es in der Mehrzahl ernüchternd. Ernüchternd klingt enttäuschend, aber wenn man nach einer Euphorie wieder ausnüchtert, kann das auch gesund sein und ehrlicher und weniger oberflächlich. Bei nicht wenigen denkt man, „irgendwie seltsam“ „(leicht) verrückt“ und lässt dabei unter den Tisch fallen, dass man genau so wirken könnte. Oder sind diese Menschen alle normal und einfach nur eine durchschnittliche Schnittmenge der Gesellschaft, die irgendwo ein Ventil sucht und zufällig auf Twitter gelandet ist? Selten, aber manchmal ertappe ich mich bei Twittermenschen, die ich treffe, dabei, zu denken, „Der ist doch eigentlich zu perfekt, zu makellos für Twitter. Was will der hier?“ Das ist vermutlich der gleiche Denkfehler wie „Du Freak, Ich cool“. Hat jeder eine Leiche im Keller? Oder tragen wir alle ähnliche Probleme in verschiedenen Facetten mit uns rum, die wir beim Gegenüber für abartig, bei uns aber nur für kleine entschuldbare Schwächen halten? Jeder kennt wenigstens irgendeinen Menschen oder eine Familie in seinem Umfeld, die ihm „perfekt“ erscheint, die man mit ein bisschen Neid beäugt. Solche Menschen sind natürlich gewiss nicht bei Twitter! Keine Zeit. Die arbeiten bis 20h30, lesen dann noch den Kindern vor, stemmen Gewichte und haben jeden Tag Sex. Gibt es die? Oder erscheine ich manchen gar so? Will ich das sein? Bei vielen Menschen im RL habe ich überraschenderweise? die Erfahrung gemacht, dass sie sich mit den selben Problemen und Zweifeln rumschlagen, wie ich selbst oder wir alle. Allerdings nur, wenn ich mich auf diese Menschen eingelassen habe. Twitter ist eher die Flucht zu den Leuten, von denen man glaubt, sie wären eine zu schützende Minderheit wie man selbst, die „unverstandenen Genies“, die im RL auch oft einfach nur unverstanden sind oder sich dafür halten. Quintessenz also, Twitterer sind identisch zu den Menschen im RL? Nicht ganz. Den Narzissmus können Tweeties nicht verleugnen, wenn sie Faves und Follower sammeln und sich in diesem albernen fame sonnen. Aber mal ehrlich: Würden 51% der Menschen als „langweiliger Durchschnitt“ definiert, hätten aber 500 Euro monatlich mehr auf dem Konto. Welcher Twitterer wäre nicht beleidigt, nicht zu den „besonderen 49%“ zu gehören?

Wie heißt es so schön: Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied akzeptiert

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Februar 2015 von in Essays.
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