Zeitspiegel

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Kopftuch/Burka-Debatte reloaded

Der Anlass für diesen Artikel ist ein – wie auf Twitter kaum anders möglich – unvollständiger und mit dem Risiko von Missverständnissen verbundener Diskurs, den ich mit einer meiner interessantesten Entdeckungen auf Twitter hatte. Es handelt sich um den Account von @primamuslima (Mervy Kay), hinter der eine offensichtlich sehr intelligente, Jura studierende, junge Muslima steckt, die – wie der Account-Name schon repräsentiert – eine offensive, selbstbewusste Grundhaltung bezüglich ihrer Religion vertritt, was keinesfalls verwechselt werden darf mit einer aggressiven, unsere Gesellschaft ablehnenden Einstellung, wie uns der medial präsentierte Islam derzeit scheinbar vermittelt. Ich empfehle, unbedingt in ihren Blog reinzuschauen: https://mervykay.wordpress.com/

Zum Thema: Meiner Ansicht nach kokettierte Mervy Kay in einer kürzlich erfolgten Twitterdebatte mit dem Tragen der Burka, Quintessenz: „eine Frau sollte tragen dürfen, was sie will“. Da ich schon seit längerem auch mit dem Gedanken schwanger gehe, auch das Kopftuch einer differenzierten Beleuchtung zu unterziehen, hier meine Erörterung. Selbstverständlich bin ich weder „Islamexperte“ noch Professor Vergleichender Religionswissenschaft, aber vielleicht kann ich dazu anregen, sich offener mit der Frage auseinanderzusetzen, ob ein Kopftuch reaktionär, frauenfeindlich oder gar staatsfeindlich zu klassifizieren ist. Wesentliche Grundlage ist unbestreitbar, was im Koran zur Verhüllung der Frauen geschrieben steht (Quelle: Was sagt der Koran dazu, Yüksel Yücelen, dtv): Sure 24 : 31 „Und sprich zu den gläubigen Frauen…dass sie ihre Reize nicht zur Schau tragen sollen…und dass sie ihren Schal sich über den Schlitz (des Kleides) ziehen…“ Sure 33 : 59 „..sie sollen sich in ihren Überwurf verhüllen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie…nicht belästigt werden.“ Die zweite grundlegende Frage ist selbstverständlich, wie man persönlich mit den Geboten der eigenen Religion umgeht. Hält man sich streng an den Wortlaut, lässt man Interpretationen zu, insbesondere im Rahmen sich ändernder Umstände/Zeiten oder geht man sogar so weit, die eigene Religion äußerst kritisch zu hinterfragen. Das Erbe der europäischen Aufklärung erlaubt uns, zu hinterfragen und wir sollten davon rege Gebrauch machen. Jede Muslima sollte demnach auch ihre eigene persönliche Antwort auf die Frage haben, warum sie sich „verhüllt“. Kopftuch (und Burka) sind schließlich nicht nur bloße Kleidungsstücke, sondern symbolisieren oder erfüllen eine religiöse Haltung. Von einigen (nicht wenigen) emanzipierten muslimischen Frauen hören wir, dass das Kopftuch letztendlich „nur“ ihren Glauben kenntlich macht, wobei auch eine Reminiszenz an die Koranstellen inbegriffen sein kann und wiederum auch modische Variationen das Kopftuch sozusagen attraktiv machen. Kurzum: eine selbstbewusste emanzipierte Interpretation des Kopftuch-Tragens ist möglich und wird praktiziert. Bemerkenswert ist, dass wir das Tragen der jüdischen Kopfbedeckung, der Kippa, viel seltener in Frage stellen. Oft nehmen wir nicht wahr, dass viele, besonders jüngere Musliminnen das Kopftuch als ein modisches Accessoire betrachten, dem aber durchaus noch ein religiöses Glaubensbekenntnis zugrunde liegt. Als patriarchalisches repressives Werkzeug kann es aus feministischer Perspektive somit nur noch sehr eingeschränkt interpretiert werden. Gilt das Kopftuch allerdings als „unablegbar“, muss in einer säkularisierten aufgeklärten Gesellschaft die Frage erlaubt sein, warum? „Weil es so geschrieben steht“, greift hier meiner Ansicht nach als Antwort zu kurz. Das Tragen der Burka spiegelt den Wortlaut der genannten Suren ohne Zweifel konsequenter wider als das Tragen des Kopftuches. Nützt aber die Burka heutzutage noch dem Schutz und den Rechten der Frauen? Das darf in einer modernen Gesellschaft, in der nicht Religion, sondern säkulare Gesetze den Schutz und die Rechte  jedes Individuums gewährleisten, bezweifelt werden. Und wer schützt die Männer?

Gilt nicht grundsätzlich, die Religion ist für die Menschen da, nicht der Mensch für die Religion?

Mervy, ich erwarte eine kritische Gegenrede 😉

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4 Kommentare zu “Kopftuch/Burka-Debatte reloaded

  1. Pingback: Stichwort: Burka | Mervy Kay

  2. primamuslima
    21. November 2014

    Gerne habe ich deinen Beitrag gelesen und darauf geantwortet. Danke für den Einblick und die Mühe.

    https://mervykay.wordpress.com/2014/11/21/stichwort-burka/

    • zeitspiegel
      21. November 2014

      Ich vermisse in deiner Artikel-Antwort eine moderne Begründung für das Tragen der Burka. Es geht nicht nur, um die freie Entscheidung. Die Frage bleibt offen und muss beantwortet werden, wovor eine muslimische Frau heutzutage noch Schutz suchen muss

      • primamuslima
        23. November 2014

        Die Sache ist, dass ich nicht das Tragen der Burka unterstütze, sondern die Freiheit Tragen zu dürfen, was man möchte.

        Du müsstest eine Burkaträgerin fragen, wie sie das begründet.

        Ich denke nicht, dass Frauen eine Burka tragen sollten. Schon gar nicht in Deutschland. In muslimischen Ländern ist es schlicht und einfach bequemer, weil man dann zB nicht belästigt wird, weil man ohne sehr stark auffällt.

        Ich trage ein Kopftuch vor allem, um mich als Muslima identifizieren zu können, das nach Außen tragen, repräsentieren, sich zugehörig fühlen, etc. sind Aspekte, die für mich persönlich im Vordergrund stehen.

        Vielleicht hilft dir dieses Video weiter. Du kannst deine Frage auch bei hyperboleTV einsenden, dann kann dir Kübra antworten, die sicher mehr weiß, weil sie Islamwissenschaften studiert hat.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. November 2014 von in Gesellschaft.
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