Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Die schlampig geführte Debatte, wovor wir unsere Kinder schützen müssen

Die überwältigende Mehrheit wird wohl fassungslos und sehr überrascht gewesen sein, ab wann ein Handel mit der Zurschaustellung von Kindern juristisch erst verboten ist. Das war wohl der eigentliche Skandal, der bewusst macht, dass hier eine Gesetzesänderung dringendst vonnöten ist, die unter anderem das Dealen mit Nacktaufnahmen von Kindern hart unter Strafe stellt.

Mehr als verwirrend war dann allerdings, dass plötzlich einige Kolumnisten bzw. Journalisten auf den Plan traten und eine Hysterie befürchteten, die dazu führen könnte, dass Nacktheit und Kinder plötzlich vollkommen tabuisiert werden. So befürchtete Elke Schmitter im Spiegel, dass Eltern Kleinkinder nicht mehr nackig am Strand laufen lassen würden und in den Feuilletons sah man schon Bildnisse und Statuen aus den Museen verbannt, die Minderjährige in auffälligen Posen zeigten.

Natürlich wissen wir, dass in der Kultur Griechenlands und Roms Pädophilie ein Thema war. Vielmehr ist die Darstellung von Kindern, auch nackten und auch in (mehr als) zweideutigen Posen grundsätzlich ein, wenn auch geringer, Bestandteil der bildenden Künste gewesen. Nun wissen wir wohl im Einzelfall nicht mehr, welche dieser Kinder, die hier Modell standen, eventuell auch Opfer von Missbrauch waren. Es wird sich speziell bei den teilweise Jahrtausende zurückliegenden Fällen auch nicht mehr prüfen lassen.

Wichtig ist bei dieser Debatte, klar zu definieren und nicht Dinge miteinander zu vermischen, die nicht primär etwas miteinander zu tun haben.

Würden wir im Einzelfall wissen, ob zwischen Künstler und Modell ein pädophiles Verhältnis bestand, ja, was dann? Wir sollten hier dann wohl konsequent sein und diese Darstellungen dann aus den Museen verbannen, denn offensichtlich bestand dann zwischen Künstler und Modell auch ein Abhängigkeitsverhältnis bzw. ein nicht tolerierbares inkongruentes Verhältnis.

Wenn wir heute Statuen griechischer Jünglinge betrachten, schmunzeln wir wohl eher darüber, auch wenn wir uns bewusst machen, dass hier oft Kinder konkret Modell standen.

Würden wir heutzutage mit der Situation konfrontiert, einem bildenden Künstler zu begegnen, der Kinder Modell stehen lässt, auch mit Einverständnis der Eltern: die überwiegende Mehrheit hätte hiermit wieder zu recht ein ernsthaftes Problem.

Man muss! diese Debatte führen, denn vieles haben wir noch gar nicht so bewusst definiert und müssen dies tun. Der Schutz Minderjähriger ist immer noch ein stiefmütterlich behandeltes Thema.

Aber man muss die Dinge auch zu Ende denken:

Das Kinder nackt Modell stehen, ist spätestens heutzutage unter keinen Umständen mehr rechtfertigbar. Es ist eigentlich nie rechtfertigbar gewesen.

Deswegen aber die Museen leerzuräumen, wäre in der Tat Hysterie.

Es sollte auch nicht grundsätzlich verboten sein, Kinder in den Bildenden Künsten nackt darzustellen. Hier setzt jetzt bei einigen vielleicht heftiger emotionaler Widerspruch ein. Aber wenn ein Künstler ein nicht reales Kind erschafft, als Statue oder als Gemälde, wollen wir das wirklich verbieten? Und warum? Natürlich ist pornografische Darstellung hier vollkommen inakzeptabel und Ausschlusskriterium.

Aber Abstraktheit muss möglich sein, sonst machen wir in der Tat weiter etwas zum Tabu, was per se kein Tabu ist: die Nacktheit und damit nicht zwangsläufig verknüpft die Schönheit eines Körpers, ob erwachsen oder Kind. Jetzt wird es vermutlich wieder kontrovers, was aber nicht beabsichtigt ist. Aber ich betone nochmals: wir reden hier von abstrakten, nicht konkreten Kindern!

Ein gutes Beispiel hierfür ist vielleicht Thomas Manns „Der Tod in Venedig“. Die offensichtliche Verehrung eines Minderjährigen. Wollen wir das künftig auf den Index setzen?

Vollkommen außer Frage steht natürlich die fotografische oder filmerische Darstellung nackter Kinder. Der Handel oder allein das Anbieten an Dritte, gehört schlicht und einfach verboten und gegebenenfalls nicht zu milde bestraft. Das muss hier unmissverständlich nochmals betont werden. Hier darf und kann es keine zwei Meinungen geben.

Hysterie bringt uns in der Tat weder auf der einen noch auf der anderen Seite weiter. Doch wir brauchen klare und von der Mehrheit getragene Definitionen.

Auch eine Hexenjagd auf Pädophile führt uns nicht zum Ziel. Sie würde das Thema wieder tabuisieren, wobei wir doch inzwischen wissen, dass Missbrauch häufig in unserem konkreten Umfeld vorkommt. Transparenz, Offenheit. Manches muss strikt sanktioniert werden, manches braucht aber auch Therapie oder ist therapierbar. Und das gelingt nur, wenn es nicht tabuisiert wird. Nur so erreichen wir das, was wir wollen:

Weniger und – auch wenn es utopisch ist – am besten gar keinen Missbrauch von Kindern!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. März 2014 von in Gesellschaft und getaggt mit .
%d Bloggern gefällt das: