Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Nymphomaniac – Was ist die geheime Zutat?

Ist es für Lars von Trier eher Bürde oder Herausforderung, dass man jedem seiner Filme einen Tabubruch unterstellt oder ist es doch die ganz bewusste Provokation, die von Trier antreibt? Zwar kann man befürchten, dass Nymphomaniac im zweiten Teil, der dem gewöhnlichen Kinogänger noch vorenthalten bleibt, eskaliert, aber wo genau steckt eigentlich der Tabubruch im ersten?

Die Darstellung weiblicher Sexualität mag es wohl kaum sein, denn hier reiht sich der Film nahtlos zwischen „Jung & Schön“ von Francois Ozon und „Blau ist eine warme Farbe“ von Abdellatif Kechiche ein. „Skandalös“ daran ist eher, dass dieses Feld offenbar weitgehend männlichen Regisseuren überlassen wird bzw. diese im Licht der Presse stehen. (Erwähnt werden muss allerdings, dass es Kechiche hervorragend gelingt, eine Liebesgeschichte zu erzählen, in der die Macht und der Facettenreichtum der weiblichen Lust offenbar werden).

Kann man ein Konzept unterstellen, wenn es um gelungenes, großes Kino geht? Ist das direkt ins Auge springende die Botschaft? Oder ist es das zwischen den Zeilen/einzelnen Bildern stehende? Oder ist es vielmehr das unbewusste, unbeabsichtigte, das ein außergewöhnlicher Regisseur in der Lage ist, in uns auszulösen? Die Möglichkeit zur individuellen Perzeption, das ist doch die Kunst? Geht es der Hauptprotagonistin Joe, gespielt von Charlotte Gainsbourg, also tatsächlich um einen Feldzug der Lust als Rebellion gegen die Liebe? Das mag ein Dogma der 68er gewesen sein, das im wahrsten Sinne des Wortes in die Hose ging, aber die Kernbotschaft des Films?

Liegt die Botschaft versteckt in dem kaum konkret, eher deskriptiv thematisierten innigen Verhältnis Joes zu ihrem Vater und/oder in der noch weniger beleuchteten Beziehung zu ihrer gefühlskalten und distanzierten Mutter? Das wäre wohl eher Hosentaschenpsychologie. Aber dennoch: es bleibt im Verborgenen, warum Joe als Erwachsene keine stabile Liebesbeziehung sucht, wie sie offensichtlich zu ihrem Vater bestand.

Nach was ist sie auf der Suche?

Unsere Lust, unser Trieb, unsere Sexualität kann Antwort auf so vieles in unserem Leben sein, doch meist weiß man gar nicht, welche Fragen wir damit beantwortet haben wollen.

Befreit sie uns? Oder hält sie uns gefangen? Was gibt sie uns, und im besonderen: Was kann sie uns geben und was nicht?

Besonders die weibliche Lust – noch ein recht unbekanntes Wesen. Erst seit kürzerem in Kunst, Kultur und Wissenschaft thematisiert, enttabuisiert, aber noch lange nicht befreit. Immer noch überwiegend in der Interpretationshoheit von Männern. Von der sexuellen Freiheit der Siebziger über die erneute Versündigung in den Zeiten von Aids bis hin zur autonomen Definition durch die Frauen selbst? Noch ein weiter Weg.

Doch was ist an Lust schon definierbar, ob für Männer oder Frauen?

Sind die Antworten, die Lars von Trier und Francois Ozon uns geben, so deprimierend und profan, weil es keine besseren gibt? Es wäre doch sehr reizvoll, hier Antworten weiblicher Regisseure, Künstlerinnen und Denkerinnen zu erfahren.

Liebe mag die geheime Zutat sein.

Doch die Zeiten, in denen man die weibliche Lust säuberlich getrennt von der scheinbar erhabeneren lustfreien Liebe trennen und wegsperren konnte, sind vorbei, meine lieben Herren Regisseure.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. Februar 2014 von in Kultur und getaggt mit , , , , , .
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