Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Eltern sein in Zeiten des „Alles ist möglich“-Anspruchs

Claudia Voigt hat es in ihrem Spiegel-Essay sehr treffend auf den Punkt gebracht: Quality-Time ist bull shit! Und dennoch ist tatsächlich das schönste Zitat aus dem aktuellen „Eltern“-Film „Ich bin dir dankbar dafür, dass du mich überredest hast, Kinder zu bekommen.“
Auch wenn man zum Kinder haben nicht unbedingt überredet werden muss, sind gerade wir Deutschen ziemlich orientierungslos, wie man das Projekt Familie hinbekommt und zwar auch ohne Perfektionsanspruch. Ich möchte hier etwas die Fallstricke beleuchten, warum anscheinend wir hier, in der Mitte Europas, die größten Schwierigkeiten mit dem Eltern sein haben. Weder sind wir finanziell schlecht ausgestattet noch fehlt der heutigen Elterngeneration die Offenheit für gangbare Wege. Warum funktioniert es in Frankreich, in Skandinavien und selbst in den finanziell aktuell gebeutelten südeuropäischen Ländern besser (trotz sinkender Geburtenraten)?
Ich hole mal etwas weiter aus…
Das mag jetzt auch etwas weit hergeholt klingen, aber dennoch: Die europäische Kultur, Gesellschaft und auch das politische System setzten das Individuum ganz an die Spitze. Der Erkenntnisroman, das Entdecken und Verändern der Welt durch das Individdum, zieht sich durch die europäische Kulturgeschichte wie ein roter Faden. Das unterscheidet uns zu einem gewissen Anteil vom anglo-amerikanischen (puritanistisch geprägten) Raum und im besonderen vom asiatischen oder afrikanischen Verständnisses des Einzelnen zur Gesellschaft. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Europa kann sich sehr gut mit dem Ideal eines schützenswerten Individuums, das nach Erkenntnis strebt, identifizieren. Und ich finde das auch sehr schützenswert und ein gutes Rollenmodell. Kein überlebensfähiges Individuum ohne schützenswerte andere Individuen, vielleicht sollte/muss ich das noch ergänzen. Soviel zur Theorie.
Während es für Männer Jahrtausende selbstverständlich war, dass sie die Rolle des „Selbstverwirklichers“ innehatten, führt die Emanzipation der Frau – und nichts kann als gesellschaftliche Veränderung höher geschätzt werden – zu einer enormen Umwälzung der tradierten Rollenmodelle, der Definition von Familie und nicht zuletzt ganzer Gesellschaftsmodelle oder Wirtschaftssysteme.
Und das ist verdammt gut so!
Was macht es speziell für uns Deutsche so schwierig, damit umzugehen?
Nun, da sind schon mal eine ganze Reihe Begriffe, die zum Teil historisch belastet sind oder plumpe Polemik beinhalten und die Emotionen hochkochen lassen, wenn sie in den Raum geschmissen werden: Rabenmutter, Mutterkreuz, Herdprämie, Fremdbetreuung, deutsches Familienidyll, Frauenquote, Patchwork-Familie etc. Diese Begriffe repräsentieren recht gut die Probleme, die den Blick auf das Wesentliche versperren.
Fällt es uns Deutschen schon schwer genug, den eigentlich doch so beneidenswerten Pluralismus in den Familienmodellen in Deutschland zu schätzen, scheitern die meisten doch an den eigenen Ansprüchen. Ich möchte es mal etwas prägnant persiflieren:
„Ja, ich ziehe nach Berlin und werde Speerspitze des Zeitgeists, 500 Kilometer von Großeltern, väter- und mütterlicherseits weg. Ich suche mir meinen Kiez nicht danach aus, ob befreundete Eltern oder Verwandte in der Nähe wohnen oder gute Kinderbetreuungsmodelle vor Ort sind, sondern danach, wo die hipste Kneipe ist. Übriges Geld verwenden wir für den Sardinien-Urlaub, anstatt für ein Au-Pair-Mädchen. Und Elternzeit würd ich ja nehmen, wenn meine Fußballfreunde es nicht so uncool fänden. Ich hab mir mit 18 gesagt, spätestens mit 40 bin ich in einer leitenden Position, egal was komme!“
oder die Kehrseite:
„Betreuung durch ‚fremde‘ Personen, seien sie auch noch so qualifiziert oder vertraut, ist eben nicht das gleiche. Es lohnt sich doch bei der Steuerklasse gar nicht, arbeiten zu gehen. Immerhin hab ich studiert, aber Beruf und Familie…, dafür arbeitet mein Mann ja 14 Stunden täglich.“
Was hier natürlich durchklingt und das möchte ich auch nicht verheimlichen, eher betonen, ist, wie elitär und privilegiert diese Familien-Debatte geführt wird. Akademiker rennen wie die Lemminge in den Abgrund der Karrierefalle, was dann auch erklärt, warum die Geburtenrate bei gut qualifizierten Akademikerinnen am niedrigsten ist.
Vielmehr sollten wir uns ein Beispiel nehmen, an denjenigen, die mit viel weniger monetärer Basis zurechtkommen müssen und dies im überwiegenden Anteil trotzdem besser, da praxiserprobt, umsetzen.
FAMILIE, KINDER HABEN, BEDEUTET KOMPROMISSE! und auch ein bisschen mehr gesunden Menschenverstand (und eben nicht das implizit eingeforderte Organisationstalent, an dem wir alle scheitern).
Das müssen nicht nur moderne Männer, sondern auch moderne Frauen erst begreifen.
Wenn ich mit dem traditionellen Familienmodell breche, in dem Opa und Oma noch eine große Rolle spielten, dann muss ich eben Ausschau nach halbwegs adäquatem Ersatz halten. Wenn ich Kinder (glückliche) und Karriere vereinbaren will, dann muss ich die Zeitpläne halt verschieben.
Und nicht zuletzt haben Politik und Wirtschaft hier ihren Beitrag zu leisten!
Aber wer ist das? Das sind wir!
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