Zeitspiegel

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Jung & Schön – Machophantasien französischer Regisseure – Klappe, die x-te!

Es überrascht einen doch, dass in der Presselandschaft weitgehend wohlwollend und ohne den Hauch einer Kritik am Frauenbild von Francois Ozon über dessen neuen Film „Jung & Schön“ berichtet wird. Relativ zeitnah zur kontrovers führbaren Debatte um das Verbot der Prostitution in Frankreich, lanciert Ozon also einen (weiteren) Film zum Märchenbild einer heranwachsenden wunderschönen Frau, die sich gern an (alte) Männer verkauft. Zwar gilt als gesichert, dass kein Marketing dahintersteckt, den Film ausgerechnet in die laufende Debatte zu werfen und auch geht es offensichtlich nicht um die eigenen Altherrenphantasien des homosexuellen Ozons (oder doch), aber dennoch ist der Film weit davon entfernt, als originell oder gelungen zu gelten. Vor nicht all zu kurzer Zeit trug auch ausgerechnet eine Regisseurin, Malgoska Szumowska, in einer polnisch-französischen Koproduktion dazu bei, die Legendenbildung einer sauberen und schönen Prostitution mit dem Film „Das bessere Leben“ zu nähren. Mit dem Anschein eines Dokumentarfilms lässt sie hier auch Models mit „gut erhaltenen“ attraktiven älteren Männern in die Kiste springen. Warum sich Juliette Binoche für so eine Wirklichkeitsverzerrung geopfert hat, bleibt ihr Geheimnis; vermutlich wurde sie als junge Schauspielerin auch nicht besser behandelt. War in Szumowskas Film noch die Geldnot der Studentinnen das „Alibi“, sich zu prostituieren, setzt Ozon dem ganzen die Krone auf, indem die Motive der siebzehnjährigen Isabelle nahezu vollkommen im Dunkeln bleiben. Eine verständnisvolle Mutter, ein netter Stiefvater, bürgerlicher Wohlstand und ein einfühlsamer Bruder lassen die freie Entscheidung zur Prostitution doch sehr zweifelhaft erscheinen. Oder sollen wir hart an den Haaren herbeigezogen wieder das Klischee eines unverstandenen Scheidungskindes, das den leiblichen Vater vermisst, schlucken? Warum sich die Rezensenten an der erwachenden Sexualität einer sehr schönen jungen Frau, Marine Vacth, ergötzen, dürfte wohl offensichtlich sein. Aber um seine Sexualität in jungen Jahren zu entdecken, sind weder Prostitution noch alternde Männer, die auf Viagra angewiesen sind, von Nöten, Herr Ozon. Und leider ist der Film hier kein Missverständnis, sondern eine Offenbarung. Selbstverständlich geht Isabelle nach der Enthüllung ihrer Prostitution nicht zur Psychologin, sondern zum Psychologen. Man wundert sich, warum Strauß-Kahn nicht im Sessel sitzt und analysiert. Und zum guten Schluss darf Charlotte Rampling als verbitterte (?) ehemalige (?) Schönheit noch ins Geschehen eingreifen, indem sie ihrem beim Sex mit Isabelle verstorbenen Ehemann sozusagen Absolution erteilt, was sich ungefähr so zu verstehen gibt: „Ich bin ja jetzt alt und nicht mehr schön, was ich mit 16 wie Du mal war. Nur verständlich, dass mein Mann mit fast Minderjährigen ins Bett springt. Was habe ich zuerst gelitten, doch am Ende habe ich verstanden, Männer sind halt so.“ ??? Wir könnten diese billige Altherrenphantasie unter „weichgezeichneter Ausrutscher“ abhaken, wenn es nicht stereotyp für einen nicht unerheblichen Teil französischer (oder weltweiten) Kinokultur wäre und damit ein Spiegelbild der französischen Gesellschaft (die deutsche lassen wir jetzt mal außen vor). Im französischen Kino und in der französischen Gesellschaft dürfen Frauen immer noch ohne große Konsequenzen sexuell gedemütigt werden. Im besten Fall verkauft man es als Kultur. Darunter haben schon Brigitte Bardot, Romy Schneider, Cathérine Deneuve und etliche andere leiden müssen. Später werden sie natürlich zu Ikonen stilisiert. Aber um welchen Preis? Und wenn schon offenkundig ist, dass Francois Ozon homosexuell ist, dann darf man hier auch mal das Klischee bedienen, dass manche Homosexuelle offensichtlich ihren Spass daran haben, dass andere Geschlecht zu demütigen. Diesen Film sollte man nicht einfach so durchgehen lassen und mindestens zur Debatte stellen! Gerade in diesen Zeiten, in denen es gilt, die Prostitution nicht mehr zu tabuisieren. Und wenn der Autor hier wie eine losgelassene Feministin erscheint, dann ist das gewollt. Zu manchen Dingen gibt es nur eine Meinung und das ist diejenige, die die Würde des Menschen achtet.

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2 Kommentare zu “Jung & Schön – Machophantasien französischer Regisseure – Klappe, die x-te!

  1. zeitspiegel
    24. November 2013

    Ein Kommentar zu Pescums Kommentar auf Twitter:
    Im Wesentlichen steht ja meine Kritik hier im Beitrag und die Quintessenz ist die Verzerrung der Wirklichkeit, betreffend Prostitution, die Wünsche einer jungen Siebzehnjährigen und der offensichtliche Sexismus (eines Homosexuellen? Kein Pauschalurteil).
    Der Beginn mit dem Deutschen (den meintest du doch am Anfang) als enttäuschte Liebe, teile ich nur sehr bedingt. Vielmehr ein weiteres Klischee des tumben unsensiblen Deutschen, zwar stark, aber sonst einfach gestrickt. Oder sollen wir das gar als Metapher verstehen, dass Deutschland Frankreich gerade wirtschaftlich und politisch ganz uneinfühlsam fickt? Dann wäre es richtig albern. Und zu dem netten älteren Herr: Welcher gebildete, körperlich gut erhaltene nette ältere Herr wäre denn nicht nett zu einer -hoffentlich wenigstens- gerade Volljährigen, die wunderhübsch ist und, wenn auch gegen Geld, mit ihm in die Kiste steigt? Leider sind, grob geschätzt, 90% der älteren Herren weder körperlich gut erhalten noch nett, sondern genießen eher die Machtphantasie über ein junges Mädchen, wenn sie nicht gar gewalttätig werden, wie viel zu wenig in diesem Film angedeutet.
    Daher eine glatte 6 für diese gefährliche Wirklichkeitsverdrehung!

  2. der Dings (@pescum)
    3. Dezember 2013

    Na Dich bringt dieser Streifen ja ordentlich auf die Palme 😉

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. November 2013 von in Kultur und getaggt mit , , , , , , , .
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