Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Pee(r) Groups im World Wide Web – eine Kritik der Urteilskraft

Freiheit in Zeiten des Internets. Schöne neue Welt. Das hat erst seit NSA und Prism einen besonders faden Beigeschmack. Doch trotz der Aufschreie und scharfen Kritik, die durch das Web fegen, wird das Netz weiterhin rege genutzt und das nicht zu unrecht. Zu groß ist der Enthusiasmus, endlich seine Meinung in die Welt hinaus zu tragen, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, in Interaktion zu treten, die Utopie zu leben, mit allem und jedem in Kontakt treten zu können. Und ja, auf den ersten Blick erscheint das Paradies in Sichtweite. Fast irritierend erscheint die Freundlichkeit der Accounts? Menschen? beispielsweise auf Twitter, während die echten Menschen im sogenannten real life (RL) einem kaum einen wunderschönen Tag wünschen, ohne dass man ihnen je begegnet ist (Moment? Oder doch begegnet?). Doch will man tiefer dringen, stößt man auf ebenso? irritierende Widerstände. Hat man sich eben noch leidenschaftlich über die gleiche Musikvorliebe oder das Lieblingsbuch ausgetauscht, so ist die Frage nach einem Café zu zweit schon ähnlich aufdringlich? als hätte man jemanden an der Bushaltestelle auf seine Lektüre angesprochen. Auch birgt der wachsende Austausch von Intimitäten das zunehmende Risiko, den Illusionen freies Spiel zu lassen. Und am Ende hat man sich einen Traumprinzen, eine Traumprinzessin geschaffen, die der Wirklichkeit kaum standhalten kann. Die Konsequenz ist: man verzichtet von vornherein auf die Probe aufs Exempel. Der Haken ist die Gaukelei. Auch die social media sind eben kein Hollywood-Film, in dem man den Hauptdarsteller/die Hauptdarsteller anschwärmt und danach den Fernseher ausschaltet, als wäre nichts gewesen. Oder doch? Wie heißt es so schön im Englischen: I had a good cry. Dahinter steht immer noch ein Mensch! Oder nicht? Traumtänzer werden viele sagen. Die heutige Generation der Zwanzigjährigen nutzt die sozialen Medien viel unverbindlicher. Mag sein. Richtig provinziell und ernüchternd wird es aber dann, wenn einem bewusst wird, dass auch der Meinungsaustausch, das sich gegenseitige Befruchten, Dazulernen, Offenheit für konstruktive Kritik, Pluralismus im großen weiten Web eine Illusion sind. Mussten wir in den Hochzeiten der Printmedien und des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mitunter noch andere Weltsichten als unsere eigene über uns „ergehen“ lassen (weil es einfach nichts anderes gab), so filtern wir heute mit einem Mausclick alles unerwünschte hinaus. So beweihräuchern sich rechts und links Denkende, radikale Feministinnen und Hardcore-Chauvinisten in ihren eigenen Zirkeln und klopfen sich auf die Schulter „wie recht wir doch haben“. Wagt einer von außen ein kritisches Wort, schickt man einen shitstorm auf die Reise. Die eigene Meute ist schnell losgelassen.

Ist das die schöne neue Welt? Oder drehen wir uns alle im Kreis, statt einmal um die Welt?

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Ein Kommentar zu “Pee(r) Groups im World Wide Web – eine Kritik der Urteilskraft

  1. zeitspiegel
    15. Dezember 2013

    Aus aktuellem Anlass hier noch ein kurzer Kommentar: Was mich nervt, ist nicht, die Meinung Andersdenkender tolerieren zu müssen, sondern, dass keinerlei Kompromissbereitschaft vorhanden ist. So wird sich gesellschaftlich auch NICHTS verändern. Mehrheiten gewinnt man eben doch nur, indem man Kompromisse schließt, aufeinander zugeht. Das ist das, was so schade ist. So bleibt es einfach nur nerdig. Nach dem Motto: -„In dem Gladiator-Film sind ja Kondensstreifen am Himmel. Da ham die von der Filmcrew ja total versagt!“ -„Ja, gell. Sooo schlecht.“
    Das interessiert dann auch niemand anderes als die eigene Nerd-Group. Man klopft sich auf die Schulter, trinkt ein Bier und in China fällt nichtmal ein Sack Reis um…
    Konkret zum Verständnis: Man kann es beharrlich rassistisch nennen, wenn sich Leute bei „Wetten dass“ das Gesicht schwarz anmalen, „blackfacing und so“. Es wird am tagtäglich realen und echten und schmerzhaften Rassismus nicht die Spur ändern. Weil man mit Kinderkacke einfach keine Menschen erreicht!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. November 2013 von in Gesellschaft und getaggt mit , , , , , .
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