Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Utopien der Moderne Part IV – die Freiheit des Webs

Es überrascht doch sehr, wie laut der Aufschrei der digitalen Generation ist, seit Snowden uns bewusst gemacht hat, wie umfangreich wir im Netz überwacht werden. Und zwar nicht, weil man jetzt altklug oder zynisch konstatieren könnte, das hätte man ja schon immer gewusst. Sondern weil der Aufschrei ungleich geringer war und ist, seitdem wir wissen, dass unsere Daten systematisch von Großunternehmen wie Google, Facebook und Co. verwendet werden. Die Naivität fängt dann an, wenn man annimmt, diese Daten, die die großen Konzerne absaugen, würden allein dazu benutzt, um unser Konsumverhalten besser kennenzulernen, nahezu eine Serviceleistung, um unsere Wünsche besser bedienen zu können. Und das ist viel weniger eine Verschwörungstheorie, als zu glauben, die großen Geheimdienste hätten sich gegen den kleinen Mann des Internets verbündet. Zum Charakter von Regierungen gehört es seit Jahrtausenden, seinen Untergebenen zu misstrauen und mit den Möglichkeiten der Ausspähung wächst auch die Umsetzung. Schon in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war es üblich, systematisch und im großen Stil Telefongespräche abzuhören und auf verdächtige Begriffe zu filtern. Und das sollte mit World Wide Web und kinderleichten Instrumenten heutzutage ein Ende haben? Es mag letztendlich dennoch belehrend klingen und zynisch erscheinen, wenn einen die Ausspähung durch Geheimdienste nicht sonderlich überrascht. Aber es gibt einige elementare Unterschiede zwischen der Daten“gewinnung“ durch Regierungsorganisationen und dem Datenmissbrauch durch Großunternehmen. Und spätestens hier sind in der Tat unsere Freiheitsrechte ernsthaft in Gefahr. Wenn man unterstellt, dass Geheimdienste tatsächlich nur auf Schlüsselwörter scannen, dann ist das zwar durchaus heftig diskutabel hinsichtlich Legitimität und Sinn, aber wenn hier keine grobe Ungleichbehandlung stattfindet, so hat das Abgreifen millionenfacher Daten schon fast wieder etwas demokratisches (gut, das hat einen leicht zynischen Touch). Vor allem aber gilt: Regierungen demokratischer Staaten sind in kurzen Jahresrhythmen abwählbar! Politische Bewegungen können und sollten sich auch entwickeln, die die Freiheitsrechte der Bürger ernster nehmen. Aber ich möchte dennoch deutschen Regierungen der letzten Jahre ein bisschen beispringen. Glaubt jemand ernsthaft, man könnte sich dem Überwachungsdrang einer NSA, einer Organisation des mächtigsten Bündnispartners entziehen, selbst wenn man es wollte? Aber kommen wir zum Kern des Problems, da wo es uneingeschränkt notwendig ist, einen Aufschrei zu postulieren. Datenmissbrauch ist da konsequent und vorhersehbar, wo demokratische Kontrollinstanzen kaum wirksam sein können. Es hat nichts mit Verschwörungstheorien zu tun, wenn man davon ausgehen kann, dass globale Unternehmen der Verlockung nicht widerstehen können, unsere Daten zur Verfolgung ganz eigener Interessen zu missbrauchen. Es genügt ein kleines brainstorming, um uns vor Augen zu führen, was alles möglich ist und teils schon praktiziert wird. Angefangen von Informationen über Krankheiten, die von Versicherungen genutzt werden können und endend bei kompromittierenden Details über das Privatleben von lästigen Politikern oder eigenen Angestellten. War der Aufschrei wirklich so groß, als wir erfahren haben, dass Mitarbeiter der großen Discountmärkte Lidl, Aldi und Co. systematisch überwacht werden? Verwundert es niemanden, dass scheinbar nur Politiker über mangelhafte Doktorarbeiten stolpern und die Chefetagen von Unternehmen offenbar frei davon sind? Es war in der Tat ein schöner Traum, dass wir mit den unbegrenzten Möglichkeiten des Internets auch mehr Freiheit gewinnen. Die digitale Generation nutzt das Web überwiegend wie ihr eigenes Wohnzimmer und derjenige, der frei von kompromittierenden privaten Details aus seiner Netzbiographie ist, der werfe den ersten Stein. Deshalb stammt die zynischste Aussage zur Freiheit des Webs auch ausgerechnet von einem Vorstandsmitglied Googles, Eric Schmidt: „Wenn es irgendetwas gibt, was man nicht über Sie wissen sollte, dann sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.“
Wehrt euch!

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2 Kommentare zu “Utopien der Moderne Part IV – die Freiheit des Webs

  1. castellvecchio
    4. August 2013

    Hat dies auf castellvecchio rebloggt.

  2. roseny
    17. August 2013

    Eine der Möglichkeiten sich zur wehren ist FAnNet (Faires Anonymes Netz), das den Benutzer anonymisiert, die Daten (evtl. verschlüsselt) beim Dienst belässt aber die Verbindungen zwischen den Daten und dem Benutzer an anderer Stelle ablegt. Dadurch kann alles gemacht werden wie bislang, aber es sind immer mehrere dabei, die darauf achten, dass nur Akzeptables passiert und alle Zugriffe protokollieren.

    Technisch ist es machbar und von der Wirtschaft oder Politik sollte es gewollt werden, denn es ist nötig, dass man ein paar zusätzliche Server aufstellt.

    Theoretisch ist es aber auch möglich, dass sich Privatpersonen oder Firmen zusammen tun und die benötigte Hardware stellen.

    Mehr dazu auf meinem Blog.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. August 2013 von in Gesellschaft, Politik und getaggt mit , , , , , , , , .
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