Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Luxusprobleme

Ich kann nicht bestreiten, dass ich mich manchmal einsam fühle. So ein Misanthrop bin ich doch nicht? Gut, Arbeit, Freunde, Familie und das Web (haha) fressen viel Zeit. Wenig hilfreich scheint es aber zu sein, in Kreisen seinesgleichen nach Solidarität zu suchen. Kaum etwas ist abweisender als Akademiker peer groups, noch schlimmer, könnte man meinen, unter der Glasglocke einer mittelgroßen Universitätsstadt. Doch im kleinen Selbstversuch ist es zumindest in Frankfurt nicht besser. Die Leute etwas mehr hipster, aber auch nur aus den Blaupausen der Berliner Vorbilder. An Köln und München gar nicht zu denken. Spätestens ab fünfunddreißig ist der Sack zu. Unsere Generation war genügend damit beschäftigt, den Traum vom perfekten Leben zu verwirklichen. Nicht mehr diese fehlgeschlagenen Experimente unserer Eltern, etwas solides, aber perfekt sollte es eben schon sein. Karriere ist möglich, besonders für Frauen, Kinder sind möglich, perfekter Sex, Toskana, dabei schön sportlich und gesund bleiben. Das Wissen, die Fachliteratur ist ja heute jedem zugänglich. Wir bedienen uns gerne Rezepten, angenehmer als selbst neue Konzepte zu entwerfen, zu wagen, das könnte ja schief gehen. Vernunft als Hohepriester. Es ist auch die Gratwanderung zwischen Selbstbetrug und Relation. Wenn prinzipiell alles möglich ist, wird der Vergleich ein stetiger Begleiter. Warum die und nicht wir? Oder: Wir eben, die halt nicht. Ein Tabu bleibt es meist , den Ursachen auf den Grund zu gehen oder diese offen zu thematisieren, darüber zu disputieren. Die Unterschiede dienen meist nur zur Abgrenzung. Wie oft habe ich mir schon anhören müssen, nach welchen vernunftbasierten Prinzipien dies oder das im alltäglichen Leben einer x-beliebigen Partnerschaft oder Familie geregelt ist und natürlich ohne große Energieaufwendung und Konflikte. Drehe es sich um fast food, Comicserien, politisch korrekte Kleidung, den Umgang mit dem Internet oder artgerechtes Spielzeug (komischerweise kommt nicht endend wollender leidenschaftlicher Sex dabei nie vor). Understatement nennt man das. Den Volvo XC kann man sich nicht mehr leisten, eh zu protzig und benzinschluckend. Da gibt’s ja auch noch das kleinere Modell. Aber Opel oder Mitsubishibashi geht ja gar nicht. Wir wissen scheinbar genau, was wir wollen und merken dabei nicht, dass es dadurch langweilig wird. Das Leben kann man sich in unterschiedlichen Farbnuancen auch im apple-store zusammenkaufen. Relativieren bedeutet unter anderem ja auch abschwächen. Andererseits ist auch die Vorstellung von sich aneinanderreihenden Höhepunkten, immerwährenden Glücks durch ständige Veränderung, anders/unkonventionell sein, eine Utopie und furchtbar anstrengend. Wissen wir nicht zu schätzen, was wir haben? Erwarten wir zu viel? Meiner Meinung ist es die Interaktion, die ein deutliches Qualitätsdefizit hat. Leben und leben lassen. Wir sind ja sowas von tolerant. Dabei kommen dann Einzelkämpfer gegen die Windmühlen des imperfekten Lebens heraus. Die Debattierkultur, die Streitkultur, die ehrliche Äußerung „ich find das scheiße, was ihr macht!“ Nicht der Vorwurf, sondern die Begründung sind das spannende, das was lehrreich sein kann. Denn überraschenderweise sind die Vorwürfe meist unbegründet. Wir suchen nur das Imperfekte in den anderen, da auch wir das Rennen nach Perfektion längst verloren haben. Und? Scheiß drauf!

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2 Kommentare zu “Luxusprobleme

  1. cosima1973
    8. Juli 2013

    Was ist dein Fazit genau? Alles blöd? Rennen wir alle in die Irre? Hast du das nun durchschaust? Wie sieht deine Lösung aus? Was prangerst du genau an? Irgendwie alles?

  2. zeitspiegel
    9. Juli 2013

    Interaktion, Interaktion und Interaktion ist die einzige Lösung

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Juli 2013 von in Essays, Gesellschaft.
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