Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Privileged Sexism

Besser als Christiane Hoffmann im Spiegel 5/13 kann man die durch Laura Himmelreichs Vorführung Rainer Brüderles im Stern 5/13 entfachte Debatte über Sexismus eigentlich nicht kommentieren. Dennoch ist es wichtig, die Begrifflichkeiten noch einmal klar zu definieren. Welche Debatte wird hier eigentlich geführt? Geht es um alte Rollenmuster, Altherrenwitze, sexuelle Bedrohung, Demütigung oder gar sexuelle Gewalt? In unserer Gesellschaft geht es mit Sicherheit um all das. Wir werden diesen Problemen und den beteiligten Personen aber nur dann gerecht, wenn wir hier klar differenzieren, auch wenn die Übergänge manchmal fließend sind. So klingt es in Anbetracht von alltäglicher Gewalt gegenüber Frauen, sexuellen Übergriffen und Zwangsprostitution fast schon höhnisch, wenn Laura Himmelreich ihre Erfahrungen mit Rainer Brüderle mit dem Wortlaut belegt, es sei nicht immer angenehm, eine 29 Jahre alte Frau und Politikjournalistin zu sein. Brüderles Aussage, sie könne ein Dirndl ausfüllen überschreitet Grenzen, insbesondere in der professionellen Auseinandersetzung zwischen einem Politiker und einer Journalistin. Aber eine Bedrohung oder Demütigung? Wir alle, ob Männer oder Frauen sind des öfteren Sprüchen ausgesetzt, die uns herausfordern und die wir im Idealfall mit einem besseren Spruch kontern. Solange die Grenzen der Menschenwürde eingehalten werden, ist dies ein zu tolerierender Teil menschlicher Interaktion. Alles andere verkennt unser Wesen, zu dem eben auch das Spiel mit Emotionen und Provokationen gehört, auch wenn es nicht immer leicht ist, damit umzugehen. Und Schlagfertigkeit ist sicherlich ein sehr nützliches Werkzeug sowohl für Journalisten als auch für Politiker. Auch dürfte Frau Himmelreich bewusst sein, dass es im Vergleich zu einer frei schaffenden Journalistin im Berliner Politikbetrieb weitaus schwieriger ist, sich als Sekretärin, Reinmachefrau oder Verkäuferin den tatsächlichen Übergriffen durch männliche Vorgesetzte und Kollegen zu erwehren. Stattdessen wird die Debatte über Sexismus ähnlich privilegiert geführt wie die Debatte um gleichberechtigte Karrierechancen für Frauen. Auch wenn es wünschenswert und längst überfällig ist, dass weibliche Strategien und Umgangsformen in die Vorstände Einzug halten, mit Samthandschuhen wird in der internationalen Konkurrenz niemand angefasst. Vor allem aber, und das ist das wesentliche Problem, das auf die Tagesordnung gehört, muss die tatsächliche seelische und körperliche Gewalt gegenüber Frauen energischer bekämpft und thematisiert werden und diese spielt sich überwiegend in den unteren Etagen und Bereichen unserer Gesellschaft ab. Natürlich sind auch überholte Rollenmuster in einem politisch-demokratischen Rahmen notwendigerweise zu debattieren. Doch was im Stern stattfand, entspricht der persönlichen Diskreditierung des Weltbilds eines älteren Mannes, mit dem bewussten Ziel der politischen Demontage. Unabhängig, ob es hier um einen Mann oder eine Frau geht oder um Männer und Frauen im Allgemeinen, humanistischer Journalismus ist es nicht, Menschen persönlich vorzuführen. Es schadet eher der wichtigen gesellschaftlichen Debatte um Sexismus in all seinen Ausprägungen. Wenn wir das nicht begreifen, werden sich die Fronten weiter verhärten und ein ungezwungener menschlicher Umgang miteinander, wie wir ihn uns eigentlich alle wünschen, wird erheblich erschwert.

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2 Kommentare zu “Privileged Sexism

  1. Lara Laune
    3. Februar 2013

    Ich gebe dir absolut recht, dass es sich hier um Elite-Feminismus einer priveligierten Minderheit handelt. Nicht zuletzt deshalb, ist es ja auch auf Twitter – die Plattform der Akademiker und Medienschaffenden – wo diese Diskussion die weitesten Kreise gezogen hat.
    Aus journalistischer Sicht möchte ich Laura Himmelreich aber in Schutz nehmen. Habe neulich das ganze Porträt gelesen und es ist wirklich genau so, wie man sich ein journalistisches Porträt wünscht: pointiert, meinungsstark, witzig. Eine Ansammlung an Szenen, die sie mit ihm erlebt hat, die ein Bild dieses Mannes zeichnen, ergänzt mit der Einschätzung anderer Menschen. Steht ja doch noch ein wenig mehr drin, als besagte Bar-Szene, die schließlich die Debatte auslöste. Natürlich sollte ein so zugespitztes Portät auch nie die einzige Informationsquelle für einen Wähler sein. Aber diese sehr subjektive Sicht finde ich durchaus auch nützlich und sie ist auch klar als subjektiv gekennzeichnet (mit Foto etc)

    Liebe Grüße von der Lara

    • zeitspiegel
      3. Februar 2013

      Die tabulose Thematisierung verbaler und körperlicher sexueller Übergriffe auf Frauen ist enorm wichtig. Es ist allerdings mehr als unglücklich, dass Brüderle mit seinen eher harmlosen Sprüchen hier zum Bauernopfer gemacht wird, denn so erhält die Debatte einen vollkommen falschen Focus. Brüderle mag ein eher provinzieller Politiker sein, der nicht besonders durch innovative politische Konzepte aufgefallen ist. Er ist aber wohl auch kaum durch gravierende chauvinistische Ausfälle aufgefallen, da gibt es eine Reihe ganz anderer Kandidaten durch alle Parteien. Für die politische Entscheidungsfindung ist es auch nicht wesentlich, auf welchem Niveau sich sein Humor bewegt. Er hat als Spitzenkandidat der FDP deren Programm zu vertreten. Auch ich habe den ganzen Stern-Artikel gelesen und muss hier Himmelreichs journalistische Arbeit hart kritisieren. Ihr Artikel zielt klar auf eine persönliche Bloßstellung, die auch leicht mit genügend anderen Kandidaten gelingen würde, wenn man es darauf anlegt. Sie begibt sich damit auf dasselbe provinzielle Niveau, das sie Brüderle vorwirft. Qualitativ gute Arbeit wäre gewesen, ihm klare politische Aussagen abzugewinnen, im speziellen Fall zum Beispiel zur Frauenquote oder wie er die Rolle der Frau sieht (immer noch zuhause am Herd?) oder zur Bankenaufsicht oder zur Bildung. Konfrontation, nicht Kompromittierung. Das ist ihr offensichtlich nicht gelungen und was bleibt, ist eine billige Demontage. Und wenn man Sexismus angemessen thematisieren möchte, warum dann nicht eine investigative intensive Recherche über sexuelle Übergriffe quer durch alle Berufsgruppen? Wie findet harter Sexismus in den Vorständen, in Redaktionen, in Krankenhäusern, in Supermärkten und Fabriken statt. Eine Debatte über Sexismus, in deren Mittelpunkt Zoten eines anachronistischen Politikers stehen, läuft vollkommen in die falsche Richtung.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Februar 2013 von in Gesellschaft, Politik und getaggt mit , , , , , .
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