Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Männer? – Frauen?

In Anlehnung an den Spiegel-Titel Nr. 1 diesen Jahres (Oh, Mann, Das starke Geschlecht sucht seine neue Rolle), möchte ich ein Brainstorming und eine Diskussion starten, die die Ursachen des auf uns zurollenden enormen Wandels der Geschlechterrollen hinterfragt. Dieser Wandel, der sich mit erstaunlichen Zahlen bereits in der US-amerikanischen Gesellschaft dokumentiert (in fast 40% verdienen Frauen in amerikanischen Ehen mehr als der Mann, siehe auch Hanna Rosin, The End of Men) wird sich bald, in Folge der auch hierzulande überwiegend durch Frauen erworbenen Hochschulabschlüsse, sehr deutlich auch bei uns bemerkbar machen. Die Kernfrage ist für mich weniger der Wandel, den ich nicht als gefährlich erachte, sondern vielmehr die philosophische Frage der Identitätsfindung, die schon immer für jeden einzelnen Menschen wesentlich war und ist. Wer man ist, was man sein möchte und was möglich ist.
Ich halte es für extrem wichtig, die Analyse wissenschaftlich sowohl von der soziologischen als auch biologischen Seite zu beleuchten, denn meine feste Überzeugung ist, dass wir, ohne wesentliches Überwiegen eines Anteils, untrennbar homo biologicus et sociologicus sind.
Auch bin ich kein Freund von Tabus, die gewisse Hypothesen, seien sie auch kontrovers, von vornherein ausklammern. Man kann nur durch eine Debatte neue Erkenntnisse gewinnen und mehr Verständnis für die gemeinsame Lösung von offenen Fragen erlangen.
Was bedingt also diesen existenziellen Wandel der Geschlechterrollen?
Elementar für Umbrüche und Veränderungen war immer auch der Zugang zu Wissen, denn Wissen beinhaltet unweigerlich auch Macht und Unabhängigkeit. Wie sonst könnte man neben der körperlichen Überlegenheit erklären, dass bis in das 20. Jahrhundert hinein das Patriarchat nicht wesentlich in Frage gestellt wurde, gestützt auf ein gottbegründetes Weltbild. War die Aufklärung die Initialzündung, ist im heutigen Informationszeitalter Wissen in allen Bereichen über moderne Medien zugänglich. Aber dies erklärt dennoch nicht ausreichend, warum Frauen sich nicht früher emanzipiert haben. Fundamental ist sicher auch die pillenbedingte Möglichkeit der verlässlichen Geburtenkontrolle. Ist es heutzutage selbstverständlich, bei Kinderwunsch je nach ökonomischen Verhältnissen zu planen, war in der traditionellen Ehe immer das Risiko gegeben, drei, vier oder mehr Kinder zu gebären. Der Gedanke an eine berufliche Karriere bzw. an eine gewisse Autonomie fast von vornherein obsolet.
Was trägt unsere Biologie bei?
Es ist unbestreitbar, dass unsere unterschiedlichen Lebensphasen mit einem erheblich unterschiedlichen Niveau von Hormonausschüttungen verbunden sind, sei es die Pubertät, die große Liebe, eine Schwangerschaft, das zunehmende Alter. Exemplarisch, die geradezu Überflutung mit Oxytocin durch eine neue Liebe oder durch das Stillen eines Babys (übrigens durch engen Kontakt zum Nachwuchs auch beim Mann). Dies schmiedet menschliche Bindungen in einem erheblichen Maße, verbunden mit Verantwortungsgefühl, Sehnsucht und dem Drang nach Fürsorge, dem wir uns kaum widersetzen können. Auch kann man Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht von der Hand weisen, die sich auch im Verständnis von Sexualität und Partnerschaft niederschlagen.
Wie sieht die aktuelle Lage aus?
Frauen erobern durch ihren enormen Wissenserwerb Zug um Zug männliche Bastionen. Hierbei laufen sie offensichtlich den männlichen Mitstreitern den Rang ab. Männliche Multitasking-Fähigkeit eher Fehlanzeige. Warum ist dem so?
Und wenn?
Werden wir Männer langfristig noch gebraucht, wenn weibliche Primärtugenden die günstigeren sind?
Oder wird sich eine Chimäre aus beiden Geschlechterrollen entwickeln, in der beide Seiten verschmelzen?
Mehr Fragen als Antworten?

Dann los!

Advertisements

7 Kommentare zu “Männer? – Frauen?

  1. Pingback: Gleiche Rechte, unabhängig vom Geschlecht? « Life of philosophy – philosophy of life

  2. cosima1973
    13. Januar 2013

    Ich habe meine Antwort in meinem Blog Denkzeiten verfasst: http://denkzeiten.wordpress.com/2013/01/13/gleiche-rechte-unabhangig-vom-geschlecht/

    Fazit davon:
    Diskriminierungen aufgrund von Rasse, Religion oder anderweitiger Zugehörigkeiten wird heute aufs Gröbste verurteilt und mit vielen Mitteln bekämpft. Die Diskriminierung aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit gilt noch immer als quasi Kavaliersdelikt, die Aufwände, sie wirklich anzugehen, werden gescheut. Es ist besser geworden, aber es ist noch immer ein weiter Weg. So lange diese Missstände noch so geavierend sind, so lange sehe ich das Jammern um eine gefallene Identität des Mannes als Thema, das noch warten kann. Dieser Mann sollte sich zuerst mal fragen, was er genau beklagt und was so schlimm daran wäre, wenn die Frau auf gleicher Stufe stehen dürfte wie er auch. Wichtig wäre, wirklich umzudenken, wirklich auf die Leistung zu schauen, die Menschen als Menschen und nicht als Mann und Frau zu betrachten.

    • zeitspiegel
      13. Januar 2013

      Ich verstehe Deine flammende Rede für die Rechte der Frauen sehr gut und ich finde es immer wieder interessant, wie man persönlich, mich selbst eingeschlossen, Texte interpretiert, die eigentlich eine anders gemünzte Fragestellung verfolgten.
      Viele Männer jammern, ich in meinem Artikel nicht. Die Frage ist durchaus ernst gemeint, ohne zu lamentieren: Sind als weiblich definierte Lösungsstrategien die besseren Antworten auf die Herausforderungen einer modernen Gesellschaft? Bleiben trotz aller hieraus gewonnenen Erkenntnisse und erzieherischer Maßnahmen noch Unterschiede zwischen Mann und Frau übrig, die wir auch trotz größter Bemühungen nicht ausradieren können? Man kann als Mann entweder auf stur und ignorant schalten oder sich aktiv mit der Frage beschäftigen, wie die Zukunft sinnvoll gemeinsam gestaltet werden kann, sogar mit der Eventualität, dass Mann verzichtbar ist.

  3. ingevincon
    14. Januar 2013

    Der Artikel ist sehr interessant, er sollte in einer der grossen Zeitschriften oder Emma erscheinen oder Zeit oder Taz, auch als Leserbrief in die allgemeine Debatte. Erinnernd uns aber, Mann und Frau sind nicht soo sehr verschieden.

    • ingevincon
      14. Januar 2013

      Individuell sein ist..anders wahrnehmen. Anders fühlen, anders denken, anders deshalb leben.

  4. laralaune
    14. Januar 2013

    Naja, in gewisser Weise kannst du meine Antwort auf diese Frage wohl erahnen. Ich möchte mich ganz von der Vorstellung lösen, dass Eigenschaften besonders männlich oder besonders weiblich sind. Dass ich da sehr utopisch denke, ist mir bewusst. Aber so manche Utopie ist schon Wirklichkeit geworden… So lange wir noch in diesem Denken vom typisch männlichen und typisch weiblichen Denken/Handeln/Sein verharren sind natürlich Identitätskrisen vorprogrammiert, wenn sich etwas wandelt. Und tatsächlich sieht es momentan so aus, als ob die als „weiblich“ bezeichneten Eigenschaften höher gewertet werden. Ich erinnere mich an eine Vorlesung an meiner Uni, die „Männlichkeitsforschung“ hieß. Als wir die Adjektive aufzählten, die typischerweise dem Mann zugeordnet werden, meldete sich ein junger Mann und fragte eingeschüchtert nach, ob der Mann denn auch „gute“ Eigenschaften haben. Dabei hat sich eigentlich hauptsächlich unsere Einstellung zu den Adjektiven verändert. Die Arbeitswelt ist ein gutes Beispiel: Dort gilt immer mehr der/die als guter Mitarbeiter/gute Mitarbeiterin der/die Konsens und offene Kommunikation sucht. Das war nicht zu jeder Zeit so! Und das ist auch nicht in jeder Kultur so. (Mir fällt gerade leider das Gegenbeispiel nicht mehr ein – aber ich habe erst neulich einen Podcast darüber gehört…) Lang galt doch derjenige, der sich durchsetzen konnte mehr – was eher als eine „männliche“ Eigenschaft gesehen wird. Dass trotz diesem Wandel die Frauen in der Berufswelt noch nicht dieselbe Position oder gar eine höhere Position als die Männer einnehmen, ist umso bemerkenswerter. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Drei Richtungen sind denkbar: 1. Die Frauen überholen die Männer. 2. Die Werte ändern sich wieder und das männliche wird wieder höher gewertet. 3. Unsere Vorstellung davon, was männlich und was weiblich ist verändert sich und verschwimmt. Freilich sind auch allerlei Mischformen denkbar. Ich sehe das ähnlich wie du und finde, dass Wandel nichts ist, wovor man Angst haben muss. Im Gegenteil – Wandel ist das normalste der Welt und lässt sich ohnehin nicht aufhalten. Aber spannend ist er! Wahnsinnig spannend…

    • zeitspiegel
      15. Januar 2013

      Freue mich sehr über Deinen Kommentar, besonders, weil er verständigend ist. Wünschenswert ist wohl aus unserer beider Sicht die 3. Variante, die Du genannt hast. Zeiten des Umbruchs birgen für die Beteiligten immer auch das Risiko der Entfremdung. Das sollte man nach Möglichkeit durch entsprechende Kommunikation vermeiden.
      Als Mediziner poche ich natürlich darauf, die biologischen Einflüsse auf unser Wesen und Handeln nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Weder glaube ich noch wünsche ich mir, dass man sowohl Frauen als auch Männer so weit gesellschaftlich domestizieren kann, dass nur noch ein Neutrum übrig bleibt. Ich kann nur jedem nahelegen, hierzu Brizendine, Das Weibliche/Männliche Gehirn zu lesen (siehe auch mein Blog-Artikel), trotz einiger unnötiger Stereotypisierungen sehr aufschlussreich. Für mich, neben dem auch von mir als spannend und nicht bedrohlich empfundenen Wandel, die biologische wie philosophische Kernfrage: Was unterscheidet uns? Welche Unterschiede sollten oder werden sich noch auflösen und was bleibt fundamental? Vor allem, wo brauchen wir mehr Verständnis, Toleranz, Akzeptanz?* Schließlich ist das Verhältnis zwischen Mann und Frau die elementare Basis einer Gesellschaft. *Übrigens selbstverständlich nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern generell in der zwischenmenschlichen Interaktion.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. Januar 2013 von in Gesellschaft und getaggt mit , , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: