Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Silver Linings – Zusammen ist man weniger verrückt

Dass David O. Russels neuer Film Silver Linings im wahrsten Sinne des Wortes märchenhaft ist, wird spätestens klar, sobald der gutmütige Cop Officer Keogh auf den Plan tritt. Er ist stets zur Stelle, wenn Pat – exzellent verkörpert von Hauptdarsteller Bradley Cooper – seine maniebedingten Gewaltausbrüche nicht mehr unter Kontrolle hat und bewahrt ihn vor der Rückkehr in die geschlossene Psychiatrie. Dass Pat manisch-depressiv ist und ein Gewaltproblem mit sich herumträgt, verschwimmt mitunter, insbesondere wenn Pat mit dem alltäglichen Irrsinn seiner Familie, seiner Freunde und dem Rest der Welt konfrontiert wird. Stellenweise wirkt er wie der edle naive Ritter, der gegen die Windmühlen des ganz normalen Wahnsinns anläuft, um zum Ende des Films vollständig in der Figur des Märchenprinzen aufzugehen, der das von Schicksalsschlägen geplagte unglückliche Mädchen errettet. Doch stellen sich Pat und Tiffany – ebenfalls bemerkenswert authentisch verkörpert von Jennifer Lawrence – zur Mitte des Films nicht etwa die Frage, wer wen mehr liebt, sondern wer von beiden verrückter ist. Das ist vielleicht die Kernfrage des Films. Wie viel Verrücktheit, wie viel Wahnsinn gehört dazu, um leidenschaftlich zu sein, um kreativ zu sein, um etwas zu verändern? Und steckt nicht in uns allen ein gewisser Wahnsinn, etwas bizarres, absurdes, dem es ganz gut tut, wenn wir es auch mal herauslassen. Auch dass wir dafür Verständnis haben. Pat und Tiffany begegnen nie wirklich jemandem, der ihren Neurosen mit blanker Ablehnung entgegentritt, was real ja nicht die Regel ist. Zwar ist eine gewisse, sicher angemessene Zurückhaltung und Angst im Umgang spürbar, doch im Wesentlichen ist es doch ein aufeinander zugehen. Eine weitere Botschaft des Films, die Initiative ergreifen, etwas tun, das Motto des american way of life in seiner positivsten Spielart, egal wie übel einem das bisherige Leben mitgespielt hat. Schwamm drüber über das, was gestern war. Das leben uns nun also ausgerechnet die beiden durchgeknalltesten Charaktere vor. Tiffany lauert Pat beim Joggen regelrecht auf und beide reichen sich später sprichwörtlich die Hände, um an einem albernen Tanzwettbewerb teilzunehmen. Hier driftet der Film scheinbar auch etwas zu bizarr und profan ab, wenn Regisseur Russel, der schon mit Flirting with Disaster eine meisterlich tragisch-komische Familienkomödie ablieferte, im Finale das Glück auf einer Footballwette aufbaut, die nur aufgehen kann, wenn beide im Vergleich zu Profitänzern mindestens eine Durchschnittsnote erzielen. Doch ist es vielleicht auch das, was uns dieser Film mitgeben will. Glück, Liebe, das Leben sind nicht immer Perfektion, das edle und das symmetrisch schöne, das höchste und beste. Manches ist auch bizarr, absurd, verrückt, fehlerhaft und verbesserungswürdig. Aber wenn man es mit Leidenschaft angeht, kann etwas draus werden. Leider ist der glückliche Ausgang nur im Märchen und in Hollywood vorhersehbar.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. Januar 2013 von in Kultur und getaggt mit , , , , , , , , .
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