Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Transparenz statt Gerechtigkeit!

Eine Streitschrift für ein viel zu gering geschätztes Gut

Die ersten Stichwörter, die fallen, wenn man die wesentlichen Grundpfeiler einer Demokratie abruft, sind Freiheit und Gerechtigkeit. Werte, die allgemeingültig nicht hoch genug geschätzt werden können und in jeden Verfassungstext gehören. Doch bereits durch die kleine Präposition „für“ werden aus universalen Idealen politische Interessen. Ein feiner, aber elementarer Unterschied. Denn oft wird im Kampf für eigenes Machtbegehren dieser Unterschied verwischt und so ist zu erklären, warum wir inflationär von „Gerechtigkeit und Freiheit für“ hören und lesen, obwohl es korrekterweise „mehr Macht für uns“ heißen müsste. Wer sich jetzt schon auf den Schlips getreten fühlt, hat das Prinzip einer funktionierenden Demokratie nicht verstanden. Selbstverständlich ist es lobenswert, wenn Menschen sich gegen offensichtliche Ungerechtigkeiten oder Diskriminierung engagieren. Das hält eine Demokratie am Leben. Man sollte aber immer genau hinsehen, welche eigenen Interessen hier vorangetrieben werden. Eigene Interessen? Verwerflich? Mitnichten! Ein demokratisches Gesellschaftssystem beruht auf Interessenausgleich! Selbstloser Einsatz für Gerechtigkeit in Ehren. Diejenigen, die die Speerspitze politischer Bewegungen bilden, entlarven sich allerdings all zu oft als Egozentriker. Auch das ist nicht schändlich, denn wie sonst, als durch ein großes Maß an Ehrgeiz, soll politischer Wandel vorangetrieben werden? Man muss es nur wissen! Transparenz! Transparenz, warum eine Gruppe dies und jenes fordert, wer mit wem mauschelt und wem es wirklich nützt. Ein Bekenntnis zu Machtinteressen, statt scheinheiliger Gerechtigkeit! Transparenz, die wir alle einfordern müssen. Von unseren Politikern, Medien und Unternehmen, aber auch innerhalb der Bürgerbewegungen und Minderheiten in unserer Gesellschaft. Keine Freiheit, keine Gerechtigkeit ohne Transparenz und Pluralismus!

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4 Kommentare zu “Transparenz statt Gerechtigkeit!

  1. cosima1973
    18. November 2012

    Das scheint mir ein wenig zu plakativ und wenig durchdacht. Blosse Transparenz macht die Welt zu keiner besseren. Nicht mal zu einer guten. Transparenz heisst per se nur Offenlegung, man bringt ans Licht, was abläuft. Auf diese Transparenz müssten, würde sie stark gegen grundlegende Werte verstossen, Taten folgen. Und damit wären wir wieder bei den Werten, die anzustreben sind in einem Gemeinwesen, die Werte, die ein Miteinander zu einem funktionierenden und möglichst stabilen Zustand machen. Ganz weit vorne ist da doch die Gerechtigkeit, welche Rawls als fundamental für eine Gesellschaft, einen Staat erachtet. Dies nicht aus bloss plakativem Vornerum, hinter dem man die egoistisch-egozentrischen Eigenmachtinteressen verstecken kann, die Ideale quasi idealisieren zu Gunsten eigenen Profits. Gerechtigkeit wirklich gelebt im Sinne eines das Miteinander stabilierenden Guts heisst, dass keiner auf Kosten anderer seinen Profit maximieren darf. Der Umstand, das dies oft missbraucht und missachtet wird, heisst nicht, dass der Wert per se nicht sinnvoll ist.

    Die Forderung nach Transparenz ist keine neue, im Gegenteil. Schon lange geht der Ruf dahin, die Dinge offenzulegen. Gewisse Gesetze, die für eigenmächtige Entscheidungen der regierenden Mächte Limiten setzen, welche die Offenlegung fordern bei Überschreitung derselben, tragen dem Rechnung.

    Gerechtigkeit ist nie uneigennützig. Das erschliesst sich unter anderem aus Rawls Schrift „Eine Theorie der Gerechtigkeit“, in welcher der Schleier des Nichtwissens eingeführt wird bei der hypothetisch errichteten Grenze vom Naturzustand in einen (gerechten) Staatszustand. Nur wenn niemand weiss, an welcher Stelle er im System steht, ist er bereit, die Regeln so einzurichten, dass er auch an schlechtester Stelle nicht untergehen würde. Solidarität erscheint so als kulturelles Konstrukt, nicht als naturgegebene Anlage. So oder so ist sie im Zusammenleben unabdingbar, was man weiss, weil man sich bewusst ist, dass das Schicksal einen selber immer auch treffen kann und man dann derselben bedürfte.

  2. cosima1973
    18. November 2012

    Der Satz hier „Auf diese Transparenz müssten, würde sie stark gegen grundlegende Werte verstossen, Taten folgen.“ müsste natürlich heissen: „Auf diese Transparenz müssten, würde sie stark gegen grundlegende Werte verstossende Machenschaften ans Licht bringen, Taten folgen.

  3. zeitspiegel
    18. November 2012

    Inflationär nehme ich die Begriffe Freiheit und Gerechtigkeit in den letzten Wochen politischer Debatten wahr. Freiheit für das syrische Volk (palästinensische, libysche etc.), mehr Geschlechtergerechtigkeit, mehr Rechte für gleichgeschlechtliche Paare, mehr Rechte für den Mittelstand, was auch immer. Dabei wird unter den Tisch gekehrt, dass es überwiegend um Machtinteressen geht, was zwar auch vollkommen legitim ist, aber dann soll man/frau das Kind auch beim Namen nennen.

  4. zeitspiegel
    19. November 2012

    @olewin Da ich den Kontext dieses Artikels nicht deutlich gemacht habe, werde ich hierauf doch noch eingehen. Dennoch möchte ich betonen, wie wichtig generell Transparenz ist und zu wenig als unabdingbares Element unserer Demokratie gewürdigt wird. Der konkrete Anlass war folgender Blog-Post http://hanhaiwen.wordpress.com/2012/11/04/blos-keine-kritische-mediendebatte-warum-ich-pro-quote-nicht-mehr-unterstutze/
    Vorneweg: ich bin absolut für die Frauenquote. Wenn aber unter den Frauen noch nach „feministisch genehm oder nicht“ selektiert werden soll, dann ist die Quote kein Mittel reiner Geschlechtergerechtigkeit mehr, sondern es geht um Machtinteressen. „Ach nee, das ist doch wohl klar, wie naiv kann man sein“ werden jetzt viele antworten. Aber eine Quote ist kein Machtinstrument. Dafür gibt es andere politische Verfahren. Es hat mir verdeutlicht, dass die Fronten in der Geschlechterdebatte sich verhärten. Insbesondere, weil einem als Mann von einigen auch in jedem zweiten Satz Chauvinismus unterstellt wird. Das erinnert zum Teil an die Diskussionsimmunität der extremen Linken in den 70ern. Es hilft dem Miteinander der Geschlechter kaum. Andererseits muss ich auch eine Lanze für die publizierenden Feministinnen brechen. Zweifellos sind diese mit zum Teil beleidigenden Kommentaren bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen konfrontiert. Es zeigt auf, wie schwierig kontroverse Themen in Blogs in Interaktion behandelt werden können, ohne dass man/frau einen shitstorm über sich ergehen lassen müssen. Hier ist es vielleicht empfehlenswert, einen Dritten zwischenzuschalten, der die Kommentare filtert.
    Ich hoffe, dass die gender-Debatte im wesentlichen weiter konstruktiv und respektvoll geführt werden kann. Der Ausgang wird die Zukunft unserer Gesellschaft elementar prägen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. November 2012 von in Gesellschaft, Politik und getaggt mit , , , , , , , , .
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