Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Zeitspiegel-Serie Geschichte des Nahen Ostens – 2. Libanon

Elementar für das Verständnis der kulturgeschichtlichen und politischen Entwicklung des Libanon ist die Geographie. Zur einen Seite ein langer Küstenstreifen zum Mittelmeer, ideal für Handelsbeziehungen und kulturellen Austausch. Zur anderen Seite, sozusagen als Schutzwall, das Libanon-Gebirge. Das Libanon-Gebirge ist auch der wesentliche Grund für die abweichende kulturgeschichtliche Entwicklung, die politisch ansonsten zunächst weitgehend parallel zur syrischen Historie verläuft. Mit beeinflusst durch die Kreuzfahrer kristallisierten sich die Maroniten als christliche Volksgruppe heraus. Die Religionsgemeinschaft der Drusen geht auf islamisch-schiitische Wurzeln zurück und entstand um das 10. Jahrhundert. Drusen und Maroniten wechselten sich in der wirtschaftlichen und politischen Dominanz mehrmals ab, ohne dass es zu größeren bewaffneten Konflikten kam, bis die beiden Bevölkerungsgruppen unter osmanischer Herrschaft mehr und mehr zum Spielball europäischer Interessen, respektive französischer und britischer, wurden. Der Keim für den überwiegend konfessionell begründeten schwelenden Bürgerkrieg wurde hier gelegt. Die Spaltung des Landes in drusisches Einflussgebiet im Süden und maronitisches im Norden war die Folge. Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zu äußerst blutigen Pogromen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg nahmen die Konfrontationen durch politische, wenn auch wacklige Kompromissfindungen deutlich ab und der Libanon erlebte eine kurze wirtschaftliche und kulturelle Hoch-Zeit, augenfällig auch im Aufblühen Beiruts als Paris des Nahen Ostens. Während des Ersten Weltkrieges kam es, wie im Rest des Osmanischen Reiches, zum Aufbegehren der unterdrückten Volksgruppen. Kriegsbedingte Blockaden führten zu verheerenden Hungersnöten, denen bald ein Viertel der Bevölkerung zum Opfer fiel. Nach Kriegsende bekam Frankreich das Mandat für den Libanon und auch Syrien, ohne ein tragfähiges Modell für die Zukunft installieren zu können, was durch den Beginn des Zweiten Weltkrieges zusätzlich hinfällig wurde. Bedingt durch die Schwäche Frankreichs unter deutscher Besatzung gelang die Unabhängigkeit des Libanon. Doch die Gefahr, zwischen europäisch-christlicher und arabisch-muslimischer Anbindung aufgerieben zu werden, konnte nicht abgewendet werden. Befeuert durch Immigration palästinensischer Flüchtlinge und den arabisch-israelischen Konflikt explodierte das Pulverfass in Form des immer wieder aufflackernden Bürgerkrieges. Der Südlibanon, inzwischen Kommandozentrale der PLO, ständige Zielscheibe Israels und eine zerrissene Zivilbevölkerung als Leidtragende. Unter diesen Vorzeichen fungiert der Libanon sozusagen als Schlachtfeld des israelisch-arabischen Konfliktes, was sich in den Libanon-Kriegen mit Israel wiederspieglt. Undurchsichtige Intrigen und politische Morde destabilisieren das Land stets auf ein Neues. So ist es auch kaum verwunderlich, dass der Libanon nun auch in den syrischen Bürgerkrieg hineingezogen wird. Ein Ende der Wirren ist, auch in Gedenken an die kulturelle Vielfalt des Landes, leider nicht in Sicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. November 2012 von in Politik, Wissen und getaggt mit , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: