Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Meine, Deine Ideologie – Sollte jeder eine haben?

Der Wahlkampf in den USA neigt sich dem Ende. Werden, wie meist, die Unentschlossenen das Zünglein an der Waage sein, die es zu mobilisieren gilt, sind die Lager, wie sonst wohl in keinem anderen demokratischen Land, klar definiert. Man könnte auch sagen gespalten. Wir im „alten“ Europa haben zwar Meinungen, aber Ideologien gelten eher als überholt. Das ist in den USA anders. Dafür sprechen allein schon die Schlagwörter, die für jeden einzelnen Amerikaner bei der Wahlentscheidung ausschlaggebend sein können: Abtreibung, Waffenrecht, Freiheitsrechte versus Sozialstaat, Kreationismus versus Evolutionstheorie oder sei es die fortbestehende Vorstellung einer „Achse des Bösen“, die Amerika inner- oder außerhalb der Grenzen bedroht. Gut und böse eindeutig zu definieren, fällt vielen Amerikanern offenbar leichter, als uns von der Aufklärung „kompromittierten“ Europäern. Ganz zu schweigen von Fundamentalisten oder Radikalen, sei es auf welcher religiösen oder weltanschaulichen Grundlage auch immer. Mag uns das borniert, ignorant oder hinterwäldlerisch erscheinen, so verleiht es doch erstaunliche Widerstandsfähigkeit gegenüber Angriffen von außen. Während wir noch in Schockstarre verharren, weil auch die vernünftigsten und plausibelst erscheinenden Argumente am Gegenüber abprallen, vertreten andere offensiv und ohne Rücksicht auf Verluste ihre eigenen Interessen. Doch woher nehmen wir den Glauben, dass Freiheit und Gerechtigkeit absolute, unangreifbare Werte darstellen? Keineswegs für jeden ist Freiheit immer auch die Freiheit des Andersdenkenden und Rechte werden der eigenen peer group, „Auserwählten“, vorbehalten. Glauben ist das Stichwort. Wissen mag für aufgeklärte Menschen die Grundlage sein, doch ersetzt es nicht den Glauben. Den Glauben, die Überzeugung, im Wortsinn die Ideologie, dass Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde und Pluralismus zu verteidigende unteilbare Werte sind. Das macht auch die Unterstellung, wir seien Ungläubige, hinfällig. Es umfasst aber auch die Einsicht, dass mit dem entsprechenden Glauben nahezu jede Weltanschauung rechtfertigbar ist. Einer noch so absurd erscheinenden oder menschenverachtenden Argumentationskette folgen zu können, ist mitunter hilfreicher, als zu früh auf Durchzug zu schalten. So erschließen sich eher die eigentlichen Beweggründe, an denen man dann gezielter den Hebel ansetzen kann. Absolute Wahrheiten sind Utopie. Um so mehr lohnt es sich, sich unter dieser Prämisse für die eigenen Überzeugungen einzusetzen. Idealerweise auf der Basis von Wissen und Logik. Sonst beanspruchen andere die Wahrheit für sich. Mehr Ideologie wagen? Wenn man um die Fehlbarkeit weiß, ja!

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Ein Kommentar zu “Meine, Deine Ideologie – Sollte jeder eine haben?

  1. cosima1973
    5. November 2012

    Ideologien haben verbindenden Charakter. Sie geben einen Wiedererkennungswert im andern und führen zum Wir-Gefühl in einer Gruppe. Das macht die Gruppe stark, weil sie sich gegen die anderen abgrenzen kann. Dabei ist es wenig wichtig, ob die Ideologie auf einem Fehlschluss, einer Illusion oder auf wirklich schlüssigen Argumenten gründet. Wichtig ist, dass man daran glaubt und diesen Glauben mit seiner Gruppe teilt.

    Das Aufbrechen solcher Ideologien kann zu einer Haltlosigkeit führen. Man verliert die Basis des eigenen Denkens und Glaubens, die Basis in der Gruppe. Dadurch werden Systeme instabil. Das ist kein Aufruf an Durchzug gegenüber Argumenten, die der eigenen Ideologie widersprechen, sondern eine Erklärung für die Notwendigkeit von langsamen Wechseln in Ideologien. Der Wandel passiert immer so schnell, wie die Wechselwirkung zwischen sozialer Gruppe und Individuum passieren kann. Ansonsten resultiert ein Chaos von verwirrten Menschen, die nicht mehr wissen, wo sie stehen und wer sie sind.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. November 2012 von in Essays, Politik.
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