Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Louann Brizendine – Das weibliche Gehirn

Gehört es in den USA bereits zum Selbstverständnis eines erfolgreichen Wissenschaftlers, ist es auch in unseren breiten zunehmend üblich, populärwissenschaftliche Bücher zu veröffentlichen. Leider neigen viele Autoren unter dem fadenscheinigen Argument, Wissenschaft einer breiten Masse zugänglich und verständlich zu machen zum Stereotypisieren und Polarisieren. Gepusht durch Verlage und überspitzt formuliert durch Lektoren, immer die Bestsellerlisten im Blick, sind nicht nur die Titel häufig platt, sondern auch die Aussagen, die nur differenziert dargelegt Erkenntnisgewinn bedeuten, verschwimmen in Klischees. So reiht sich auch Louann Brizendines Werk „Das weibliche Gehirn“* zumindest vom Titel und den ersten 50 Seiten nahtlos unter Aufmachern wie „Warum Frauen nicht einparken können…“* und „…den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen“* ein. Dabei ist kaum etwas so relevant für das Gelingen zukünftigen gesellschaftlichen Zusammenlebens, wie die Erkenntnisse aus gender studies und deren Verständlichmachung. Für das Miteinander der Geschlechter, unter Berücksichtigung der Unterschiede, ob kleiner oder größer. So wäre es auch angemessener gewesen, vom unbestreitbaren Einfluss von Geschlechtshormonen zu sprechen, als pauschal vom weiblichen Gehirn. Das, was Brizendine in den ersten Kapiteln an Stereotypien zu Papier bringt, ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die Brizendine unterstellen, mit ihren aus Studien abgeleiteten Thesen traditionelle Rollenmuster zu skizzieren und patriarchalische Überlegenheitsphantasien zu manifestieren. So ist unter anderem von Mädchen die Rede, die hormongesteuert „stundenlang telefonieren und sich mit ihren Freundinnen in der Eisdiele treffen.“ „Wer in Gesichtern und Stimmen lesen kann, weiß, was ein Säugling braucht.“ Eva Herman lässt grüßen oder ein Slogan für den Bund deutscher Mädels? So finden sich einige vollkommen misslungene Formulierungen, die einer anerkannten Wissenschaftlerin und emanzipierten Frau nicht würdig sind. Auch ist es der klassische Fehler von Wissenschaftlern, Erkenntnisse, gewonnen unter teils sehr limitierten Studienbedingungen, zur Norm zu erheben oder gar ganze Gesellschaftstheorien davon abzuleiten. Etablierte Erkenntnisse aus anderen Wissenschaftsfeldern werden dabei oft sträflich vernachlässigt. Ob durch Unkenntnis oder bewusste Ignoranz? Beides keine Qualitätsmerkmale moderner Wissenschaft, die über den Tellerrand schaut. So sind viele Leser, insbesondere emanzipierte und selbstbewusste Leserinnen, vermutlich geneigt, das Buch nach den ersten Kapiteln resigniert aus der Hand zu legen. Denjenigen, die vielleicht vom Wissen über neurobiologische Einflüsse besonders profitieren würden, entgehen somit die unbestreitbaren Fakten und Erkenntnisse dieses Buches, die zu mehr Verständnis in der Geschlechter-Debatte beitragen.
In medias res: Dass Frauen im monatlichen Zyklus starken Hormonschwankungen unterliegen (Männer eher jahreszeitlichen) ist allgemein bekannt. Von den Auswirkungen auf den Gemütszustand kann der Volksmund ebenfalls ein Lied singen, doch wie tiefgreifend Geschlechtshormone, ob weibliche oder männliche, unser Gehirn, unsere Wahrnehmung und unser Handeln beeinflussen, zeigt Brizendine bemerkenswert auf. Bereits in der 8. Woche der embryonalen Entwicklung hängen die Verknüpfungen unserer neuronalen Schaltkreise ganz wesentlich von Geschlechtshormonen ab und führen entsprechend zu einer unterschiedlichen Ausformung der jeweiligen Gehirnzentren. Diese Einflüsse setzen sich in der Kindheit fort und erreichen, wie nicht anders zu erwarten, in der Pubertät ihren Höhepunkt. Doch auch in späteren Lebensabschnitten sind hormonelle Differenzen, ob individuell oder zwischen Mann und Frau, mit prägend. Besonders aufschlussreich sind hierbei Erkenntnisse, die aus krankheitsbedingtem Mangel oder Überschuss gewisser Hormone gewonnen wurden. So werden erstaunliche Verhaltensunterschiede, zum Beispiel im Aggressionsverhalten oder Empathievermögen deutlich. Brizendine bringt auch Licht in unser Bindungsverhalten, ob männlich oder weiblich, in den Rausch der Liebe, der uns, insbesondere wenn wir unbeteiligt sind, oft so irrational erscheint. Nahezu identisch zum Drogenrausch tanzen dann Dopamin, Oxytocin und Co. zwischen unseren Synapsen hin und her. Brizendine gewährt Einblick in eine ganze Reihe von Bereichen, die durch Geschlechtshormone beeinflusst werden und teils auch unterschiedlichen Bedürfnissen und Ansprüchen unterliegen. Sei es die Partnerwahl, die Frage der Monogamie, der Einfluss einer Schwangerschaft auf das Gehirn, sexuelles Verlangen oder warum eine Frau sich vielleicht erst jenseits der Wechseljahre vollständig emanzipieren kann. Das macht dieses Buch besonders lesenswert. Mag einiges an diesem Buch zu plakativ und überspitzt formuliert sein – ein gern gewähltes Stilmittel amerikanischer Autoren, um ihren Aussagen mehr Schlagkraft zu verleihen – und sieht man von den überflüssigen Stereotypisierungen ab. Die auf wissenschaftlichen Studien basierenden Erkenntnisse sind ein Gewinn im Verständnis der beiden Geschlechter füreinander. Kein Leitfaden, wie Frauen und Männer sein sollen, sondern ein Ansatz, warum Gleichberechtigung nicht durch Gleichmacherei erreicht wird. Zitat Brizendine als Epilog siehe 1. Kommentar.

* Louann Brizendine, Das weibliche Gehirn, Goldmann-Verlag 2006
* Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken…, Allan & Barbara Pease, Ullstein-Verlag 2000
* Das Geschlechter-Paradox…, Susan Pinker, Deutsche Verlags-Anstalt 2008
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Ein Kommentar zu “Louann Brizendine – Das weibliche Gehirn

  1. zeitspiegel
    30. Oktober 2012

    (gekürztes) Zitat Brizendine: „Manch einer wünscht sich, es gäbe zwischen Männern und Frauen keinerlei Unterschiede. In Berkeley kursierte in den siebziger Jahren unter jungen Frauen das Schlagwort ‚mandatory unisex‘, was nichts anderes bedeutete, als dass es politisch nicht korrekt war, über Geschlechtsunterschiede zu reden. Noch heute wird die Ansicht vertreten, Frauen könnten nur dann die Gleichberechtigung erlangen, wenn alle Unterschiede eingeebnet werden. Aber die biologische Realität sieht anders aus. Die Angst vor einer auf Unterschiede gegründeten Diskriminierung sitzt tief. Wenn man jedoch so tut, als wären Frauen und Männer genau gleich, erweist man nicht nur beiden Geschlechtern einen Bärendienst, sondern beleidigt damit letztendlich die Frauen. Legt man die männliche Norm zugrunde, unterschätzt man auch die gewaltigen geschlechtsspezifischen Stärken und Begabungen des weiblichen Gehirns.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. Oktober 2012 von in Gesellschaft, Wissen und getaggt mit , , , , , , , , , .
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