Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Muss man sich Solidarität leisten können?

Jeder hat hierzu wohl einen ziemlich gefestigten Standpunkt. Die Lager sind klar aufgeteilt in „ja, natürlich“ und „nein, selbstverständlich nicht“. Dabei gibt es neben groben, viele feine Unterschiede in der Interpretation des Begriffes Nächstenliebe. Ein bekannter amerikanischer Politiker formulierte aus Anlass einer Demonstration von Studenten gegen den Vietnam-Krieg sinngemäß: „Wir ermöglichen diesen Grünschnäbeln durch unsere politischen und militärischen Interventionen doch erst ihr privilegiertes Leben!“ Heute in der Politik der Mächtigen noch so aktuell wie damals. Sind also die politischen Bewegungen für mehr Gerechtigkeit nur eine pubertäre Rebellion gegen die Elterngeneration, die die schützende Hand über uns hält oder werden unter dem Deckmantel der Freiheitskämpfe sogar nur eigene Machtinteressen vorangetrieben? Manchen mag der Widerspruch schon gehörig auf der Zunge brennen. Aber bevor wir die Contra-Argumente beleuchten, noch ein paar Punkte, die es zu berücksichtigen gilt: Unser allgemeiner Wohlstand in der westlichen Welt fußt zu einem gewissen Anteil auf Ausbeutung oder mindestens Bevorteilung (sei es durch Wissensvorsprung oder Macht). Je nach Verteilung diese Wohlstands im eigenen politischen-gesellschaftlichen Raum, haben hiervon recht viele Menschen in unserer Sphäre profitiert, sei es durch freien Zugang zu Bildung, eine gute Infrastruktur, erschwingliche Mobilität oder billige Lebensmittel und Kleidung. Wollen, können oder müssen wir uns diesen Privilegien entziehen? Es ist unangebracht, jene despektierlich als Gutmenschen zu titulieren, die nach dem durchaus rechtfertigbaren Prinzip des „fair trade“ leben. Gefährlich wird es dann, wenn diese sogenannten Gutmenschen einen missionarischen Eifer entwickeln, ihr Lebensprinzip als das einzig wahre zu propagieren. Widerspruch gegen das Prinzip der Fairness? Keine schöne neue Welt?
Uns Menschen wohnt auch die Strategie inne, sich Vorteile außerhalb des Fairness-Prinzips zu verschaffen. Über die List, das Schelmenhafte kann auch mancher Gutmensch schmunzeln, besonders wenn der eigene Nachwuchs gerade den Apfelschnitz vom Spielkamerad ergattert hat. Doch aus List wird harter Ernst, wenn es um die Verteilung knapper Ressourcen oder das nackte Überleben geht. Wie definieren wir hier Gerechtigkeit? Schulden wir sie einer weltweiten community oder nur unserer eigenen peer group? Welchem Zweck dient eigentlich Gerechtigkeit? Braucht sie einen oder ist sie ein Gut per se? Es gibt eben nicht nur Antworten, sondern einige offene Fragen, die man auch unterschiedlich beantworten kann. Möchten wir alle, geschweige denn, können wir immer nach Kants kategorischem Imperativ handeln? Altruismus ist vermutlich nur die eine Seite der Medaille. Es gibt schwerwiegende Argumente, die für Altruismus sprechen und im wahrsten Sinne des Wortes auch liebenswürdiges – ohne jede Herabwürdigung – am Ideal des Altruismus. Allein die Begrifflichkeit spricht für sich. Altruismus gibt Rückhalt in den Unwägbarkeiten des Lebens. Ein festes Diktat des Altruismus entspricht wohl weder unseren menschlichen Anlagen noch eignet es sich, um alle existenziellen Bedrohungen unseres individuellen Seins zu meistern. Auge um Auge oder die andere Backe hinhalten?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Oktober 2012 von in Gesellschaft und getaggt mit , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: