Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Wenn über Moral gleichberechtigt mit Unrecht im öffentlichen Raum gerichtet wird.

Der Fall Kachelmann. Namen sind Schall und Rauch. Ob männlich oder weiblich. Das entscheidende Etikett für Medien und Öffentlichkeit ist die Prominenz. Menschenunwürdig wird es für Täter wie Opfer – wer wer ist, können im konkreten Fall juristisch offensichtlich nur die beiden unmittelbar Beteiligten beantworten -, wenn sie als Vehikel für eine ideologisch basierte, öffentliche Lektion in Moral missbraucht werden. Zu dem wenigen, was wir relativ gesichert wissen, zählt, dass Kachelmann sich gegenüber mehreren Frauen unmoralisch verhalten hat. Frauenverachtend oder menschenverachtend? Ob er ein Verbrechen, eine Vergewaltigung begangen hat, konnte die Justiz nicht beweisen. Nicht mehr und nicht weniger. Aber es geht hier nicht um die Relativierung eines schweren Verbrechens, das viel zu selten zur Anzeige und Verurteilung kommt. Es stellt sich die Frage, was oberflächliche Charakterstudien anhand moralischen Fehlverhaltens grundsätzlich im öffentlichen Raum verloren haben? So werden neben dem juristisch absolut notwendigen Prozess ideologische Schauprozesse geführt, die ihre eigene Botschaft unter das Volk bringen wollen. Nähmen wir einmal an, eine Person X würde aufgrund unwiderlegbarer Beweise eines Verbrechens für schuldig befunden. Das in den Medien kolportierte amoralische Verhalten jenseits der verbrecherischen Tat würde das Puzzle hinsichtlich Plausibilität perfekt vervollständigen. Doch wie löst sich der Widerspruch auf, wenn Person X aufgrund mangelnder Beweise freigesprochen wird oder gar bezüglich des konkreten Verbrechens unschuldig ist? Wissen wir jetzt unverhofft mehr über einen Menschen, der juristisch freigesprochen wurde, als uns eigentlich zusteht? Und wüssten wir jetzt berechtigterweise mehr über einen Menschen, wenn er verurteilt worden wäre? Zahlen Täter wie Opfer den Preis für unsere hochgeschätzte Pressefreiheit? Die Antwort muss hier differenziert ausfallen. Presse, Medien müssen selbstverständlich über Hintergründe, Ursachen, im Zweifel auch private, berichten dürfen. Der Appell mag gutgläubig und realitätsfern sein, aber die moralische Messlatte der Berichterstattung sollte mindestens so hoch sein, wie der Anspruch an die Betroffenen. Stichhaltige Recherche, sich einer Sache nicht zu gemein machen, Verzicht auf unangebrachte Pauschalurteile/Ideologisierung anhand eines Einzelfalls. Und im besonderen nicht das ans Licht der Öffentlichkeit Zerren des Privaten ohne hinreichende Gründe. Selbst wenn diese Regeln alle beachtet werden, zahlen die Betroffenen mindestens den Preis ihrer privaten, wenn nicht auch moralischen Integrität. Das ist leider unvermeidlich. Kachelmann fährt kaum gut damit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, Frauen unter Generalverdacht zu stellen, den Justizapparat, Haftbedingungen und Opferverbände über einen Kamm zu scheren. Aber vermutlich ist es so:
Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus.

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2 Kommentare zu “Wenn über Moral gleichberechtigt mit Unrecht im öffentlichen Raum gerichtet wird.

  1. cosima1973
    15. Oktober 2012

    Wer sich in die Öffentlichkeit begibt sollte sich immer bewusst sein, dass er von dieser auch gesehen wird. Entsprechend sollte das Verhalten gewählt werden. Leichen im Keller zeigen sich irgendwann, die Neugier des Menschen ist gross und er erfährt gerne etwas über andere Menschen, vor allem, wenn dieses von der langweiligen Alltagsnorm abweicht. Kachelmanns Spiel mit den Frauen war da ein Spiel mit dem Feuer – und er verbrannte sich die Hände. Moralisch ist er da sicher nicht sauber geblieben. Strafbar ist das nicht. Die Problematik von Moral und Recht, die sich an vielen Orten zeigt.

    Das zweite Problem ist der Vorwurf der Vergewaltigung. Es konnte nicht bewiesen werden, wer im Recht ist. Das ist in verschiedener Hinsicht problematisch:
    a) Kachelmanns Name wird noch eine Weile mit diesem Vorwurf belastet sein – zu Recht? Zu Unrecht?
    b) Wäre der Vorwurf gerechtfertigt, wäre die Betroffene zum zweiten Mal Opfer, dieses Mal von der Justiz.
    c) Zukünftige Opfer von Vergewaltigungen sahen über Wochen und Monate, wie machtlos ein anderes Opfer unterging, mit wie vielen Zweifeln man rechnen muss, wenn man ein solches Verbrechen zur Anzeige bringt.
    d) Wäre der Vorwurf zu Unrecht, wäre die besagte Frau mit schuld daran, dass Opfer von Vergewaltigungen sich mit so viel Misstrauen konfrontiert sehen, weil eben der Vorwurf auch aus Rache erhoben wird ab und an, nicht aus realen Gründen.

    Die Verhandlung an sich hätte nicht an die Öffentlichkeit gemusst, wäre es Herr Müller und nicht Herr Kachelmann. Dieser aber hat sich über Jahre in jede Kamera gedrängt, dies als seinen Tummelplatz gesehen. Da hilft nur entsprechendes verhalten, da niemand wegschauen wird, wenn es spannend wird.

    • zeitspiegel
      15. Oktober 2012

      Ich möchte hier von Kachelmann abstrahieren, da seine Unschuld ja nicht eindeutig gesichert ist. Aber wer sich in die Öffentlichkeit begibt, muss nicht gezwungenermaßen sein Privatleben freigeben und ist auch nicht verpflichtet, moralischer zu leben als andere. Wie unwürdig viele Prominente von der Boulevardpresse behandelt wurden wissen wir ja. Medienkritik ist hier durchaus angebracht. Andererseits hast Du Recht. Der Preis für die Prominenz und die hiermit verbundenen Annehmlichkeiten ist, dass die Gesellschaft auch Anteil am Privatleben derjenigen haben möchte. Und der Boulevard gehört zur Realität dazu. Viele, die den Ruhm suchen, leiden ja auch an einer Profilneurose und können mit ihrem Erfolg nicht angemessen umgehen, teilweise mit Zügen des Größenwahns.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Oktober 2012 von in Gesellschaft und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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