Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Relativität und Zufall – wesentliche Elemente unseres Bewusstseins und Seins

Reich an der Zahl sind die Ratgeber, die für sich beanspruchen, den zielführenden Weg zu einem glücklichen oder erfolgreichen Leben gefunden zu haben. Einige gehen sogar so weit, „wissenschaftlich fundiert“, von dem einen, richtigen Weg zu sprechen. Und „self-made“ ist das Etikett, mit dem sich die meisten gerne schmücken.
Sträflich vernachlässigt werden dabei die zahlreichen und alltäglichen Zufälle, die unser Schicksal beeinflussen, ganz zu schweigen von den Prägungen, die wir durch unsere Familie, Erziehung, das gesamte soziale Umfeld und unsere Gene erfahren haben. Ein Angriff auf die menschliche Autonomie? Hatten im 20. Jahrhundert noch die Sozialwissenschaften die Deutungshoheit über menschliche Verhaltensmuster, versuchen jetzt die Neurowissenschaften das Zepter an sich zu reißen (siehe auch den Blog Artikel https://zeitspiegel.wordpress.com/2012/08/17/der-freie-wille-eine-illusion/). Sind wir nur noch ein Bündel Synapsen, das auf Botenstoffe reagiert?
Doch auch hier durchkreuzt der Zufall, der Flügelschlag eines Schmetterlings, die Chaostheorie schelmisch die zum Teil auch hier recht eindimensionalen menschlichen Erklärungsmodelle unseres Seins. Zu facettenreich sind die Hintergründe unseres Handelns. Ein Paradebeispiel, für das unser jahrmillionen altes Steinzeitgehirn gern zitiert wird, ist unsere Partnerwahl. Der Geruch gibt angeblich den Ausschlag. Wirklich? Der Zufall schüttelt und ist nicht gerührt. Hier nur eine kleine Auswahl potenzieller Versalzer der Bio-Suppe: ein dominanter Vater? Ein geliebter Bruder? Die goldlockige Schulfreundin? Eine Lebensweisheit aus einem Buch? Die eine Ohrfeige der Mutter? Der kurze Filmausschnitt aus Romeo und Julia? Oder einfach der kurzsichtige/fahrlässige Kuss aus einer fixen Laune heraus? Die Weichen unseres Lebens sind schnell verschoben. „Aber der Fleiß entsprang rein meiner Selbst.“ Sind Druck der Eltern, Ringen um Anerkennung, die Rache für Demütigung aus Kindheitstagen als Vorwürfe billig, können sie zur eigenen Identitätsfindung kostbar sein. In Konsequenz, Bescheidenheit, Demut, vor den glücklichen Zufällen?
Aber da ist noch etwas, das an unserem Selbstbewusstsein nagt, die spröde Relativität.
Rational halten wir uns immer wieder vor, wie wir unglücklich/unzufrieden sein können, während andere ums blanke Überleben kämpfen. Doch lieber verdienen wir 500 Euro weniger, dafür am meisten in unserer peer-group, als 1000 Euro mehr, dabei relativ aber in der unteren Gehaltsgruppe, wie Studien zeigen. Ein Auto ist kein reines Fortbewegungsmittel mehr, sondern ein Statussymbol. Es muss also die Altbauwohnung sein? Wo ziehen wir die Trennlinien zwischen Leid, Unzufriedenheit, Zufriedenheit und Glück? Oder haben Sie sich schon ein einmal gefragt, warum die Pärchen mit dem teuren Kinderwagen, zwei gesunden Kindern, ausgesuchten Klamotten und interessantem Job, sei es im Prenzelberg, in Schwabing, im Schanzenviertel oder sonstwo in den Szenevierteln der Welt kein Dauergrinsen über beide Ohren zustande bringen? Mit Recht.

Advertisements

2 Kommentare zu “Relativität und Zufall – wesentliche Elemente unseres Bewusstseins und Seins

  1. cosima1973
    11. Oktober 2012

    Zum Thema Glück las ich grad Wilhelm Schmid mit seinem Büchlein „Glück“. Das „Ergebnis“ der Lektüre findet sich hier: http://litteratour.wordpress.com/2012/10/10/wilhelm-schmid-gluck/

    Glück schreibt er eher dem Annehmen des Lebens im Ganzen zu, was er als Glück der Fülle beschreibt. Er bewegt sich damit nahe an der östlichen Philosophie, welche auch sagt, dass nur dann Glück (da eher als Gelassenheit und Freiheit von Leid bezeichnet) entstehen kann, wenn man nicht mehr den als positiv bewerteten Dingen nachrennt, die als negativ bewerteten zu meiden versucht. Schmid geht soweit, dass er die Gegensätzlichkeiten der Erlebnisse gar als wichtig für das Glücksempfinden ansieht, da nur so die ganze Spannweite in ihrer Fülle gelebt ist. Zufallsglück und Wohlfühlglück gibt es als weitere Glücksarten, sie sind aber vergänglich. Ich denke, das materielle Glück aus deinem Beispiel gehört dahinein. Am Anfang macht Reichtum (sofern er erworben und nicht einfach immer schon da ist) glücklich. Kurzzeitig. Dann kommt das Streben nach mehr. Die Dosis muss gesteigert werden. Schlussendlich ist es das Erlebnis des Neuen, Erstrebten und Erreichten, das für immer noch kürzere Momente ein gutes Gefühl verschafft, das mit der Zeit immer weniger gut ist. Ein Teufelskreis.

    Vielleicht ist der Mensch schlicht nicht fürs Glücklichsein gemacht, da er sonst stehen bliebe. Es könnte sogar evolutionär gefährlich sein, wäre er zu glücklich und zufrieden, da er sich ausruhte, unaufmerksam würde und unterginge in den Gefahren des Alltags (die heute geringer sind als in wilderen Zeiten – vielleicht ein Relikt aus dem Tierreich?).

    Auffallend ist – du beschreibst es selber – die Relativität. Der Mensch neigt zum Vergleich und damit gräbt er dem Glück das Grab. Wäre man für sich zufrieden mit etwas, sieht man beim anderen mehr und schätzt das eigene plötzlich gering. Es wurde nicht weniger, es kann nur nicht mithalten in der eigenen Vorstellung.

  2. zeitspiegel
    11. Oktober 2012

    Ja, das mit der Verhältnismäßigkeit als Voraussetzung für Glücksempfinden sehe ich genau so. Wer stets vom Schicksal begünstigt wurde, die sunny boys und girls, die wir alle kennen, sucht oft den Kick oder die Herausforderung, das Schwere, um sich von der Leichtigkeit, der Oberflächlichkeit des profanen Glücks zu befreien. Die Redewendung „Glück muss man sich erarbeiten“ kommt nicht von ungefähr, ist aber (leider?) keine Garantie, dass es auch eintritt. Eigentlich ist das Rezept zum glücklich sein recht einfach: es ensteht durch die Wertschätzung durch und den Austausch mit anderen Menschen und durch das Bewusstsein, etwas bewegen zu können und dies auch zu tun. Leider liefert uns das Leben da zahlreiche Schikanen, die wir kaum beeinflussen können: Krankheit, Ungerechtigkeit, Zufall etc. So finde ich aber trotzdem, dass der Mensch die Grundvoraussetzungen zum Glück durchaus mit sich bringen kann, mancher ist mehr dazu talentiert oder sozialisiert, mancher weniger. Die Relativität ist das Teufelchen, das uns zuweilen ins Ohr flüstert, uns mit dem „Nachbar“ zu vergleichen, ja, das könnte durchaus sein, dass da ein gewisser evolutionärer Sinn dahinter steckt. Aber man sollte sich dadurch das Glück nicht verderben lassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Oktober 2012 von in Essays, Gesellschaft, Wissen und getaggt mit , , , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: