Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Selbsterfahrungstrip auf Twitter

Wer „Twitter? Das ist doch dieser Nachrichtendienst?!“ antwortet, ist nicht nur bei der Twittergemeinde unten durch. Er kratzt entweder ungern an der Oberfläche oder der Umgang mit Sprache und die Interaktion mit Menschen sind für solche Personen eher nebensächlich. Das klingt diskreditierend? Soll es auch. Zu Twitter gibt es keine zwei Meinungen, es gibt viel mehr. Allerdings zahlreiche auf der einen Seite und keine auf der anderen. Bevor ich aber jetzt ein Loblied auf Twitter anstimme, erst einmal zu den Grundlagen. Ja, Twitter ist faktisch eine simple Kommunikationsplattform. Der Regierungssprecher wirft hier Presseerklärungen in den Raum, Netzwerke jeglicher Art kommunizieren hier, verabreden Termine, zahlreiche Promis pflegen gleichzeitig ihre Eitelkeit und ihre Fan-Community („You’re so awesome! I love my fans!“) oder retten die Welt („support our charity project“).
Doch was ist das eigentliche Geheimnis, das Sprachjongleure, prädestinierte Klassenclowns und Hosentaschenphilosophen anzieht, wie das Licht die Motten? Aus unerfindlichen Gründen ist ein Tweet, eine Mitteilung, auf 140 Zeichen begrenzt. Was praktikable Gründe haben mag, ist für linguistisch Ambitionierte die zusätzliche Herausforderung, das pro-Element, der Dreier, das Hole-in-one, der touchdown nach 140-Zeichen-Pass, das Umdribbeln aller Satzzeichen mit Torabschluss. Der eine perfekte, geistreiche, witzige Tweet, immer auf der Suche nach dem nächsten.
Doch Twitter ist nicht nur die Kompetenz um die Krone der Schlagfertigkeit. Ein offenes Erfolgsgeheimnis sozialer Netzwerke ist selbstredend der globale Aspekt. Die Möglichkeit, weltweit in Verbindung zu treten. Dabei zeichnet sich Twitter durch die einfache unmittelbare Möglichkeit zur Interaktion aus. Wen man gerne liest, dem folgt man einfach mit einem Klick. Keine umständlichen „Freundschafts“-Anfragen, die Interaktion ist, insbesondere, wenn sie unidirektional begonnen wird, öffentlich. Zahme follower zurückzuweisen ist ungefähr so, als stünde man mit Fingerzeig am Rednerpult: „Hey, Sie haben mir jetzt gerade doch nicht etwa zugehört?“. Letztendlich ist auf Twitter alles erlaubt, solange man es mitmachen will. Alles ist möglich. Fegefeuer der Eitelkeiten, facebookähnliche Selbstdarstellung, Nutzung als reines Informationsmedium, SMS-Ersatz, Kummerkasten, Blitzableiter. Für Angefixte sind Blasiertheit, Arroganz, Abgrenzung und Elitedenken eher Fremdwörter auf Twitter. Understatement auf Twitter bedeutet, über (die Anzahl seiner) follower spricht man nicht, man spricht mit ihnen. Letztendlich sind Misanthropen auf Twitter natürlich auch nicht seltener anzutreffen, als im real life. Twitter erklären. Wer kann schon eine Schwärmerei erklären, die vielleicht bald verflogen ist? Vielleicht erleichtert eine kleine Anleitung zum Einstieg das Verständnis. Die alleinige Anmeldung auf Twitter ist ungefähr so weiterführend, wie mit Oropax auf dem Trafalgar-Square zu stehen und zu posaunen: „Und das soll’s jetzt gewesen sein?“. Wo lohnt es sich, mal reinzuhören? Zwei Zugangswege bieten sich an. Entweder über aktuell angesagte Themen, die mit einem # gekennzeichnet sind, z.B. #esm oder #iphone5, whatever. Oder über Empfehlungen, wem es lohnt, zu folgen, was exponentiell neue Folgemöglichkeiten ergibt. Genau das werde ich hier tun, beschränke mich aber auf einige der Schlagfertigsten: @phrasensprenger, @katjaberlin, @ohaimareiki, @dandyliving, @regendelfin, @fred_forward, @peterbreuer, @murkspad.
Kurz noch ein Grundbegriff Twitters erläutert: TL = timeline = das, was man über die Leute, denen man folgt, zu lesen bekommt. Abstrakt steht die TL für die Wirklichkeit, das Leben auf Twitter und verhält sich zum RL (real life) mitunter diametral. Jede weitere Erläuterung wäre Blasphemie oder wirkt nerdig (als wäre der ganze Artikel nicht pure Nerdigkeit). Ein Freak erklärt sein Tamagotchi. Sie haben mich richtig verstanden. Und wem das Ganze zu viel katzenartige Verniedlichung und Schwärmerei für Twitter ist: Haben Sie einen Facebook-Account? Oder bloggen Sie Muffin-Rezepte? Wie sind Sie dann verdammt noch mal auf diesem Artikel gelandet? Nein, zum versöhnlichen Abschluss möchte ich nochmal zusammenfassen, was Twitter für Sprachliebhaber, Mitteilungsbedürftige und Interaktion schätzende bedeutet: Welcome to paradise.
Last but not least freue ich mich, ein Interview mit Ada Blitzkrieg, follow-Empfehlung #1, ankündigen zu können, einschließlich ihres Blogs textkrieg.de einer der kreativsten und originellsten Köpfe auf Twitter.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. September 2012 von in Gesellschaft und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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