Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Der freie Wille – eine Illusion?

Eine Antwort auf Franz M. Wuketits „Der freie Wille – Die Evolution einer Illusion“ *

Der Wille ist frei, der Mensch ein autonomes Wesen. Eine große Mehrheit geht hier wohl von unanzweifelbaren Tatsachen aus. So haben es uns Philosophie und Religion über Jahrtausende gelehrt. Auch unser Selbstverständnis impliziert die Fähigkeit, freie Entscheidungen treffen zu können. Unser Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit basiert darauf. Unser Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Auch unser Strafrecht und unser Moralverständnis leiten sich hiervon ab.
Der freie Wille und Freiheit überhaupt, Begriffe von hoher Tragweite.
Mit den stetig wachsenden Erkenntnissen der Natur- und auch Sozialwissenschaften geraten diese als absolut angesehenen Begriffe gehörig ins Wanken. Mit seinem Buch hat Franz M. Wuketits hier einen beachtlichen Beitrag geleistet. Dabei liegt es für einen modernen Menschen, der sich wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht verschließt, nahe, dass es mit dem absoluten freien Willen nicht weit her ist. Allerdings muss man sich auf die Auseinandersetzung einlassen.
So gibt es zahlreiche Faktoren, die Einfluss auf unseren Willen, auf unsere Entscheidungen haben. Seien es Erziehung, Erfahrungen, soziales Milieu, sowie, dies betont Wuketits besonders, unsere biologischen Grundbedürfnisse, die wiederum in unseren Genen festgeschrieben sind. Das Prinzip Überleben. Wer würde im Extremfall nicht für seine Familie töten bzw. müsste nicht? Doch es geht hier bei weitem nicht um Extremsituationen, sondern um ein wesentliches Element menschlichen Zusammenlebens. Wie wir Menschen sehen und über sie urteilen, uns selbst eingeschlossen. Wie gefährlich es ist, den freien Willen als absolut zu setzen, zeigt uns das tägliche Weltgeschehen auf. Menschen, die sich frei wähnen, die behaupten, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein, fühlen sich anderen überlegen. Diese Arroganz, ja Ignoranz, hat weitreichende Konsequenzen bis hin zur Kriegsführung. Das sieht auch Wuketits so. Doch Arroganz und Ignoranz begegnen uns auch in unseren alltäglichen zwischenmenschlichen Interaktionen und äußern sich in Schuldzuweisungen oder lapidaren Vorwürfen „Wie kann man nur!“. Das perfide ist, dass insbesondere erfolgreiche, mächtige und privilegierte Menschen sich frei in ihren Entscheidungen wähnen und sich somit ihren Erfolg allein selbst zuschreiben. Des eigenen Glückes Schmied. Eine besonders in der westlichen Hemisphäre, möglicherweise besonders im anglo-amerikanischen Raum verbreitete Ansicht. Dabei wird die elementare Rolle des Zufalls unterschlagen. Des Zufalls, in diese Familie geboren zu sein, in dieses Land. Des Zufalls, diesen Lehrer gehabt zu haben, in jenem Zeitalter gelebt zu haben, an diesem Tag nicht diesen Flug genommen zu haben. Der profane Zufall, nicht etwa Schicksal auf das man hinarbeiten kann. Schicksal entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage (was nicht hindern soll, aus dem Zufall „schicksalhafte“ Konsequenzen zu ziehen).
So sind wir nur Marionetten des Zufalls und unserer Gene?
Wuketits legt dies fast nahe. Er definiert den freien Willen nur als hilfreiche evolutionäre Illusion. Hier muss Wuketits entschieden widersprochen werden.
Eingeschränkt wird dies allerdings durch die sehr schwierige Definition des komplexen Begriffes Freiheit, insbesondere in der Willensäußerung. Bedeutet Freiheit, sich für gut und böse entscheiden zu können oder bedeutet Freiheit vielmehr, sich für das Angemessene (im Wortsinn nicht immer das Vernünftigste) entscheiden zu können?
Unsere potentesten Werkzeuge der freien Entscheidung sind Logik, Ratio, Vernunft.
Zwar mögen die meisten Menschen der Logik fähig sein, ganz essentiell ist aber, dass sie auch gelernt und insbesondere gelehrt wird. Analysieren zu können, warum wir so handeln und welche Konsequenzen unser Handeln hat, lässt uns auch unser menschliches Gegenüber besser verstehen. Dem pflichtet sicher auch Wuketits bei. Das macht uns bei weitem nicht frei, ermöglicht aber deutlich mehr Freiheit, als Wuketits vermuten lässt. Was bedeutet ein eingeschränkter freier Wille für uns? Zum einen mehr Bescheidenheit, zum anderen mehr Verständnis für unsere Mitmenschen. Im übrigen keineswegs eine grundlegende Reform des Strafrechts (allein die abschreckende Wirkung von Sanktionen ist wichtig, wenn auch nicht immer wirksam). Man kann solch komplexe Themen wie freier Wille und Freiheit in einem kurzen Artikel leider nur streifen. Es ist daher nur jedem zu empfehlen, sich mit diesem Thema intensiver zu beschäftigen, da es wesentlich für das menschliche Miteinander ist. Hierfür eignet sich Wuketits Buch hervorragend. Ich möchte daher Herrn Wuketits für dieses lehrreiche Buch danken, auch wenn, wie hier dargelegt, einige Differenzen bestehen.
Nicht unter den Tisch fallen lassen möchte ich die Fähigkeit zur Empathie, die übrigens auch erlernt werden kann und intensiv gelehrt werden sollte.
Denn wir sind nicht nur biologische, sondern auch soziale Lebewesen, wenn auch oder gerade weil das eine das andere vermutlich bedingt.

* Franz M. Wuketits „Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion“ (Hirzel Verlag)

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6 Kommentare zu “Der freie Wille – eine Illusion?

  1. zeitspiegel
    19. August 2012

    Ich möchte das Ganze zum besseren Verständnis noch einmal an zwei plakativen Beispielen veranschaulichen: Der eine schließt sich der Occupy-Bewegung an. Er hält dies für eine heldenhafte oder zumindest aus freien Stücken gewählte Entscheidung. Der andere klopft sich auf die Schulter, da er gerade durch geschickte Bankgeschäfte ein Vermögen angehäuft hat. Beide rümpfen (mindestens) die Nase, wenn sie sich auf der Straße begegnen. Laut Wuketits sind beide Biografien nur das Endresultat einer langen Kette von Einflüssen (Erziehung, Erfahrung, Zufall, Bedürfnisse etc.) und haben mit freien Willensentscheidungen wenig zu tun. Ähnlich verhält es sich mit politischer Orientierung, Partnerwahl oder so profanen Dingen wie Musikgeschmack. Ich persönlich bin der Meinung, dass vieles sich der Logik erschließt und so uns Menschen zugänglich ist. Ein gewisses Empathievermögen ist ebenfalls hilfreich. Und einen wesentlichen Anteil hat natürlich der Zufall, dessen Spielball wir bei vielen Willensentscheidungen sind. Dessen sollte sich jeder in puncto mehr Bescheidenheit bewusst sein.
    Hier muss vielleicht noch betont werden, dass ein Dualismus aus Seele und Körper (religiös) bzw. Geist und Körper (philosophisch) aus neurobiologischer Sicht kaum haltbar ist. Was das Ich, den neurologischen Geist ausmacht, so weit kann und möchte ich hier nicht gehen. Eine streitbare und kaum zu beantwortende Frage.

  2. cosima1973
    12. September 2012

    Interessantes Thema, an dem ich auch gerade dran bin und noch eine Weile dran bleiben werde. Ich habe momentan noch mehr Fragen als Antworten, da beim Lesen diese immer drängender in Den Vordergrund stechen, ich aber noch zu wenig Material habe, wie ich finde, eine wirkliche Meinung zu vertreten, zu der ich stehen kann. Ich nenne das Work on Progress.

    Ich denke auch nicht, dass eine Trennung von Körper und Geist grundsätzlich möglich ist, die beiden interagieren sehr deutlich und das oft nicht willentlich, sondern reflexartig. Die Frage ist sicher einerseits: Was genau bedeutet Willensfreiheit? Wann ist sie gegeben, wann nicht. Kann es eine absolute Willensfreiheit geben oder ist sie gar nicht erstrebenswert? Ist sie überhaupt relevant oder ist sie nur ein Mittel zu einem höheren Zweck? Wie sieht der aus? Ich würde mal sagen, ganz platt: Ein schönes und gutes Leben. Das Schöne und das Gute als höchste Ziele des Lebens – zu definieren wären die Begriffe auch noch. Es gibt einiges, aber ohne konzise Begrifflichkeit ist das Ziel unklar. Stellen wir die Hypothese aber in den Raum, es sei so. Dann wäre der freie Wille dazu da, genau dieses Ziel zu erreichen. Wir bestimmen, was wir als schön und gut empfinden (tun wir das? Nach absolut freiem Willen sicher) und wählen den Weg frei, der dahin führt. Wir schliessen aus, was vom Pfad abbringt, streben an, was ihn verfolgt. Damit negieren wir gewisse Dinge, schliessen sie aus unserem Leben aus, weil sie nicht den Weg verfolgen, den wir gehen wollen. Das können Einflüsse sein, können eigene Eigenschaften sein. Lassen die das einfach so zu? Und wenn nicht, sind wir dann immer noch frei, da sie ja entgegen unserem Willen doch noch aktiv sind? Harry G. Frankfurt sagt, in dem Fall wären wir nicht mehr dafür verantwortlich, da wir diese Eigenschaften nicht wollen, sie sich über unseren Willen stellen. Nur wäre damit die Freiheit schon eingegrenzt in meinem Verständnis. Er hat keine absolute Durchsetzungsmacht, insofern ist er doch begrenzt. Oder sehe ich das falsch?

    Wie gesagt, ich bleibe dran. Dies meine momentan noch etwas chaotischen Gedanken zum Thema.

    • zeitspiegel
      12. September 2012

      Meiner Ansicht nach haben Sozialisation/Erziehung enormen Einfluss auf unseren Willen. Reine Glückssache. Im Umkehrschluss bedeutet das, Bescheidenheit ist erste Tugend. Vom hohen Roß, sich selbst auf die Schulter klopfend, sollte niemand sich verhalten. Denke man nur, wie enorm anders prägend eine Kindheit im Gaza-Streifen, in Afghanistan, in Südafrika, Bangladesh zum Beispiel im Vergleich zu einer Adoleszenz in Mitteleuropa ist. Aber auch der familiäre Mikrokosmos kann extrem divergent sein. Das einzige, aber elementar wichtige Handwerkszeug, sich diesen nahezu imperativen Einflüssen zu entziehen, ist Bildung. Insbesondere auch Anleitung zum freien Denken, Wissenserwerb und Analyse. Und um das Gute und Schöne aufzugreifen, Befähigung, zwischen gut und böse zu unterscheiden, moralisch handeln zu können (nicht immer müssen bzw. können). Ich hänge sehr Kants Kategorischem Imperativ an, doch leider kann dieser nicht immer wirksam werden. Würde man für seine Kinder töten? Wohl ja. Aber es sind nicht nur die Extremsituationen. Wir verurteilen Menschen, die stehlen, die ihre Kinder schlagen, die von Ehrgeiz zerfressen sind, die schlecht über andere reden. Aber haben wir uns intensiv mit der Frage beschäftigt, warum und ob sie anders können? Das soll keineswegs eine Legitimation oder Entschuldung bedeuten, aber es wirft ein Licht auf unsere mehr oder weniger begrenzte Autonomie.

  3. Pingback: Von der Freiheit des Willens – Work in Progress « Life of philosophy – philosophy of life

  4. Pingback: Relativität und Zufall – wesentliche Elemente unseres Bewusstseins und Seins | Zeitspiegel

  5. seeds for fortune
    10. März 2014

    Eine interessante Diskussion, danke für den Beitrag.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. August 2012 von in Wissen und getaggt mit , , , , , , .
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