Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Die Utopie der offenen Gesellschaft

In regelmäßigen Abständen gehen Appelle durch die Öffentlichkeit, für mehr Gleichbehandlung, Abschaffung von Sonderrechten und mehr Transparenz. Das ist gut und wichtig, wird aber dem, wie soziale Systeme funktionieren, nicht ganz gerecht. Beanspruchen Minderheiten spezifische Rechte für sich, sind je nach Einfluss und Größe schnell die Mehrheit oder die politischen Vertreter auf dem Plan. Das wird besonders deutlich, wenn es um die großen Religionen, Christentum, jüdische Gemeinde und Islam geht. Ein gefundenes Fressen für Antisemiten und Ausländerfeinde, aber auch Atheisten und scheinbare Freidenker. So platt die Parolen und Vorurteile sind, „die heiraten doch nur untereinander“, „wer dominiert denn das Filmgeschäft in Hollywood“, „versuch mal in Bayern, ‚ohne‘, Karriere zu machen“ und ähnliches gilt für andere sogenannte Minoritäten, „jetzt wollen die auch noch Kinder adoptieren, als ob die das nicht prägt“. Wer nicht anerkennt, dass ein Fünkchen, aber auch nicht mehr, Wahrheit in ihnen steckt, verschließt die Augen davor, wie Menschen ticken. Wenn man Teil einer Gemeinschaft ist, neigt man selbstverständlich dazu, jenes etwas zu bevorzugen, was man selbst kennt und gut findet, vor allem aber auch, jene, die man kennt und sympathisch findet. Was soll daran auch falsch sein, wenn sich Menschen mit gleichen Interessen oder Lebensphilosophien unterstützen? War es vor Jahren noch verpönt, im Beruf den Vorteil von Netzwerken zu thematisieren, kann man das „gewusst wie“ heute u.a. im KarriereSpiegel – einer Rubrik, vor zehn Jahren im Spiegel noch undenkbar – nachlesen. Dabei spielt konkret nicht unbedingt die Religionszugehörigkeit eine mitunter bevorteilende Rolle, sondern so profane Dinge wie Mitgliedschaft im selben Fußballverein, bei der freiwilligen Feuerwehr oder noch alltäglicher, in derselben Freundesclique. Wenn bestimmte Gruppen für mehr Gleichberechtigung eintreten, ist das häufig die Forderung nach mehr Rechten für die eigene Fraktion und zwangsläufig weniger Rechten für den Rest. Wem diese Binsenweisheiten allzu selbstverständlich sind, sollte sich hinterfragen, ob er dann noch lamentieren möchte, wenn eine Interessengruppe im alltäglichen Geschehen wieder auf ihre Rechte pocht und warum er dieser oder einer beliebig anderen nicht selbst angehört. Der Ausgleich von Interessen macht eben Demokratie aus, solange die „Nichtmitgliedschaft“ in einer Interessengruppe kein Ausschlusskriterium ist. Möchte noch jemand bestreiten, dass es leichter ist, als Philanthrop durchs Leben zu kommen, als als Misanthrop, solange man dabei authentisch ist?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Juli 2012 von in Gesellschaft, Politik und getaggt mit , , , , , , , , , .
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