Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Die Angst der Mannschaft – und des Trainers – vor dem Titel

Etwas verstört und doch mit Zuversicht hatten Fans und Medien auf die Änderungen in der deutschen Startelf gegen Italien reagiert. Das Vertrauen in Löws taktisches Gespür war groß, die Spieler konnten es auf dem Platz letztendlich nicht rechtfertigen. Den Vorschusslorbeeren wich blankes Entsetzen. Angst vor der eigenen Courage? Der Versuch einer Retrospektive:
„Statistiken sind was für Warmduscher!“, ein Zitat, das man einigen sogenannten Fußballexperten unterjubeln kann, doch die Frage, was muss man ändern, um im 8. Anlauf bei einem großen Turnier endlich Italien zu schlagen, hat sich berechtigterweise auch Jogi Löw gestellt. Viel zu oft sind deutsche Mannschaften ins offene Messer der Italiener gerannt, im Glauben den Sieg erzwingen zu können. In der Mehrzahl der historischen Duelle standen Catenaccio und technische Überlegenheit einem deutschen Erfolg im Weg. Jetzt also, spielerisch auf Augenhöhe, welchen Hebel noch umlegen? Ein naheliegender Gedanke, zusätzlich Italiens Kreativzentrale in Person von Pirlo zu bremsen. Bar der Frage, ob nicht Schweinsteiger diese Aufgabe hätte lösen können, auch wenn nicht in Topform, war das überraschendste Moment doch, warum man das Flügelspiel dann auf einer Seite auf Kosten eines dritten defensiven Mittelfeldspielers verwaisen lässt. Da konnte sich Boateng noch so redlich mühen. Manchmal ist nicht nur Angst, sondern auch zu großer Respekt ein schlechter Berater. Und dann noch die Angst vor der eigenen Courage. Im Selbstverständnis der Fans und Medien und letztendlich auch der Mannschaft hatte Deutschland nahezu einen Rechtsanspruch auf den Titel. Spielerisch noch mit dem Bonus der WM 2010, der Leidenschaft 2006 und zumindest nach dem Ergebnis überzeugenden Resultaten der Vorrunde sollten die Italiener eigentlich in Ehrfurcht erstarren. Doch der Spruch von den 22 Spielern und am Ende siegt Deutschland gilt schon lange nicht mehr. Die großen Spiele, in denen Deutschland zwar schlechter war, aber trotzdem gewann, liegen schon länger zurück. Selbstverständnis trifft auf Realität. Verbittert dreht man einen Rückstand nicht. Genug der Floskeln. Natürlich wollten die deutschen Spieler diesen Sieg, aber es sind eben auch nicht grobe Fahrlässigkeiten, sondern Feinheiten, die den Unterschied ausmachen. Werden wir nun eine Fußballnation wie die Holländer, Sterben in Schönheit und Frust, wenn’s nicht läuft? Den Spaß am Fußball zurück wollte die neue deutsche Fußballgeneration bei der WM 2006. Platzhirschen, die den Finger mitunter zu tief in die Wunde taktischer oder kämpferischer Defizite legten, war man überdrüssig. Das Kollektiv zählte. Es bleibt offen, ob ein im positiven Sinne ehrgeiziger/geltungsbedürftiger Individualist das Spiel an sich hätte reißen können. Man ist noch kein Egoist, wenn man in solchen Momenten aus dem Team ausschert.
Khedira hat es angedeutet. Doch man sollte Spielern und Trainern nicht zu viel Unrecht tun. Podolski hätte in der Theorie auch in der zweiten Halbzeit noch über sich hinauswachsen können. Reus hätte seine internationale Unerfahrenheit gegen die ausgebufften Italiener auch zum Verhängnis werden können. Hummels, Badstuber und auch Neuer sind noch lernfähig. Lahm hatte einfach, was selten vorkommt, einen schlechten Tag. Kroos ist allerdings seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden. Dies gilt auch für Özil und Gomez. Weltklasse definiert sich durch den Tick Genialität in spielentscheidenden Momenten. Das haben uns Pirlo, Cassano und Balotelli schmerzlich aufgezeigt. Auf ein Neues 2014!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. Juni 2012 von in Tribuenenplatz und getaggt mit , , , , , , , , .
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