Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Betreuungsgeld – Warum nicht?

Die ideologischen Grabenkämpfe sind erwartungsgemäß groß, wenn es um so heikle Themen wie Kinderbetreuung und Gleichberechtigung geht.
Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn man ganz nüchtern, von der Wurzel aus betrachtet, analysiert. Kaum eine politische Entscheidung wurde so parteiübergreifend befürwortet, wenn auch in der Umsetzung diskutabel, wie das Elterngeld. Die Lohnfortzahlung über ein Jahr, die Integration der Väter, nicht ganz so fortschrittlich wie in Skandinavien, nicht so sozial ausgeglichen, wie von der Opposition gewünscht, aber ein großer Schritt in moderner Familienpolitik. Nun also das Betreuungsgeld, schon in der Namenswahl unglücklich, als Herdprämie verunglimpft. Aber was könnte der konkrete Sinn sein, Kleinkinder durch einen Elternteil betreuen zu lassen? Befürworter des Betreuungsgeldes sehen dies schon als rhetorische Frage. Nicht ganz zu Unrecht. Befasst man sich mit den anerkanntesten Studien zum Thema Kleinkindbetreuung (NICHD, Belsky, J./Vandell, D.L./Burchinal, M./Clarke-Stewart, K.A./McCartney, K./Owen, M.T: Are there long-term effects of early child care? Child Development 2007, 78, S. 681-701, http://de.wikipedia.org/wiki/Kinderkrippe), und es sei vorweggenommen, hier kann man nur pauschal und nicht im Einzelfall sprechen, so gestanden die Studienverantwortlichen fast kleinlaut ein, dass Betreuung in der Familie oder in familienähnlicher Betreuung in den ersten Jahren für die Sozialisation und Entwicklung vorteilhafter ist. Je nach Weltbild kann natürlich jeder Gegenstudien ins Feld führen, doch Politik entscheidet nicht den Einzelfall. Die Frage ist doch, wem schadet das Betreuungsgeld? Mit am größten sind die Proteste aus der Wirtschaft. Wen wundert das jetzt? Über die Höhe des Betreuungsgeldes lässt sich durchaus streiten. Zählt man jedoch eventuelle Kosten durch Fremdbetreuung, ein genau so hässliches Wort wie die Herdprämie, dazu, ist man schnell bei 500 Euro. Je nach Qualifikation ein Tropfen auf den heißen Stein, aber das müsste dann von den Kritikern als wesentlicher Kritikpunkt stärker artikuliert werden. Kinder mit Migrationshintergrund – auch so ein Unwort – werden benachteiligt. Das kann man nicht ganz von der Hand weisen, obwohl es auch hier Gegenstudien gibt. Andererseits unterstellt man hier wiederum, das Geld hätte hier für die Familien einen höheren Stellenwert als die Integration der Kinder. Selbst wenn dies so wäre, könnte man hier mit entsprechenden Angeboten politisch gegensteuern.
Im Wesentlichen bleibt die Grundfrage, ob man die Betreuung von Kleinkindern durch einen Elternteil bis zu einem gewissen Alter fördern will oder nicht.
Das muss jeder für sich selbst entscheiden, die Politik kann das nur durch Mehrheitsentscheidungen. Wahlfreiheit sollte erste Prämisse sein. Unterschwellige Vorwürfe, man gefährde seine Kinder oder seine Karriere, sind kontraproduktiv. Lassen wir also Ideologie ausnahmsweise außen vor.

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2 Kommentare zu “Betreuungsgeld – Warum nicht?

  1. Churchill
    26. Juni 2012

    Die Forderung, beim Betreungsgeld die Ideologie ausser Acht zu lassen, zeigt eine gewisse Blauäugigkeit: Von wem die Kinder betreut werden sollen, ist gerade in Deutschland nun einmal eine hochpolitische Frage. Die Vergangenheit hat gezeigt, wie der Staat durch Geld private Entscheidungen mitsteuern kann: Ehegattensplitting, kostenlose Mitversicherung der Familie in der gesetzlichen Krankenversicherung, Kindergärten nur vormittags – hier wurde die Hausfrauenehe gezielt gefördert. In den letzten Jahren fand der in der Gesellschaft vollzogene Wandel auch in der Politik seinen Niederschlag. Ausbau von Krippenplaetzen, verlaengerte Oeffnungszeiten in Kindergärten, Ganztagsschulen. Das Betreungsgeld spricht eine andere Sprache und kommt wohl nur, um die verschreckten Konservativen in der CSU bei Stange zu halten. Schade ums Geld! Und gerade angesichts des neuen Scheidungsrechts ein fatales Signal! Schon wenn das Kind drei ist, wird hier die vollstaendige Berufstaetigkeit der Frauen als zumutbar angesehen. Der Wiedereinstieg in den Job fällt da aber oft schwer. Die Hausfrauenehe als ein weiterhin gültiges Modell der Zukunft zu sehen, wiegt die Frauen in gefaehrlicher Sicherheit. Abgesehen davon: spätestens 2030 gibt es einen Arbeitskräftemangel und da werden alle qualifizierten Arbeitskraefte gebraucht. Ein Betreuungsgeld zu unterstützen heißt somit, die Zeichen der Zeit zu verkennen.

    • zeitspiegel
      26. Juni 2012

      Der Grundgedanke, wenn man pauschal entscheidet, was könnte dem Kind nützlich sein, ist doch das Konzept eines Betreuungsgeldes nicht so schlecht? Gegen Elterngeld hat doch auch niemand was. Und ich sehe da einen kleinen Widerspruch, wenn du Erziehungsprämien ablehnst, ab 3 Jahren Fremdbetreuung aber kritisch gegenüberstehst. Immer wird, selbst in alten Mustern denkend, angenommen, dass nur die Frauen zuhause bleiben. Kinder brauchen Zeit und Deutschland braucht moderne flexible Arbeitszeitmodelle für Frauen und! Männer. Aus meiner Sicht ist dieses starre 8-Stunden-Arbeitstag-Modell vor Ort auch überholungsbedürftig. Deswegen sollte man sich nicht in ideologischen Grabenkämpfen Mann gegen Frau, Familie contra Karriere aufreiben.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Juni 2012 von in Politik und getaggt mit , , , .
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