Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Timoschenko – Die Stellvertreterin

Sollen wir nun alle die Stimme für Timoschenko erheben? Oder für oder gegen wen sollen wir eigentlich protestieren? Gegen Haftbedingungen in osteuropäischen Ländern, der östlichen Hemisphäre, nein gar auch in vielen westlichen Ländern auf die Barrikaden zu gehen, ist sicherlich kein schlechtes Signal. Selbstverständlich gebührt auch Julia Timoschenko eine menschenwürdige Behandlung. Doch taugt sie als Ikone? Es ist anzunehmen, dass eine große Anzahl Inhaftierter über Timoschenkos Haftbedingungen nur müde lächeln kann, in Anbetracht üblerer Erfahrungen. Insbesondere entspricht die Stilisierung Timoschenkos als Verfechterin von Demokratie und Gerechtigkeit offenbar nicht ganz der Realität. Ihre Verstrickungen in dubiose Geschäfte und Seilschaften sowohl gen westliche als auch russische Interessen sind undurchsichtig. Siehe u.a. FAZ http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/julija-timoschenko-partnerin-oder-komplizin-1910217.html . Es steht in Frage, ob ein Protest mit Timoschenko auf den Plakaten den demokratischen Bewegungen in den ehemaligen Sowjetrepubliken nützt. Möglicherweise fruchtbarer wären allgemeinere, aber dennoch konkrete und energische Äußerungen und Bestrebungen unserer politischen Vertreter, diese Länder mehr in unser europäisches Rechtssystem zu integrieren. Kooperation statt Isolation, aber dabei kein Blatt vor den Mund nehmen. Das ist bei den sich überschneidenden kulturellen Wurzeln auch erfolgversprechender als beispielsweise mit China. So ist Timoschenko also nur ein nicht besonders gut geeignetes Symbol für die notwendige fortschreitende Implementierung von Recht und Demokratie (nicht nur) jenseits der östlichen EU-Grenzen. Allerdings steht sie in einer Reihe mit dem russischen Oligarchen Michail Chodorkowski, stellvertretend für die komplexe Beeinflussung durch westliche und russische Interessen, die zum Teil einseitige Berichterstattung und andererseits die eindimensionale Verbindung zwischen finanzieller und politischer Macht in diesen Ländern. Liest man Timoschenkos Vita oder parallel die Historie der politischen Entwicklung in der Ukraine, kann man nur zu dem Schluß kommen, dass bei nicht unwesentlichen politischen Entscheidungen das Ausland seine Finger im Spiel hatte. Da fielen Abgeordnete in Stimmabgaben – im übertragenen Sinn – unerwartet um, stabile politische Bündnisse wurden mitunter sabotiert. Es ist zugleich logisch und paradox, dass ausgerechnet in Staaten reich an Bodenschätzen und Energiereserven politische Stabilität ein seltenes Gut ist. Auch lassen sich Parallelen zu den politischen Bewegungen im nahen Osten ziehen. Auch hier werden zum Teil unter dubiosen Bedingungen politische Aktivisten verhindert, statt die demokratische Entwicklung abzuwarten. Das kann man, ohne dabei wertend zu sein, zweilfellos konstatieren. Doch das Für und Wider von Interventionismus und Isolationismus ist ein anderes Thema. Oder?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. Mai 2012 von in Politik und getaggt mit , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: