Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Gr(Kr)ass schlecht – Kritik aber legitim.

Es genügen wenige transparente Sätze, um die Sachlage ausreichend objektiv zu beschreiben.
Der iranische Präsident hat dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen. Ein undurchsichtiges Atomprogramm ist in Entwicklung, dass nachvollziehbar nur Misstrauen erwecken kann. Israel fühlt sich berechtigterweise bedroht. Doch es sind nicht annähernd alle politischen bzw. diplomatischen Strippen gezogen, die das Säbelrasseln auf beiden Seiten als vernünftig erscheinen lassen. Die Risiken auch eines konventionellen Erstschlags Israels sind vollkommen unkalkulierbar und gefährden in der Tat den Frieden, nicht nur im nahen Osten.
Dies offen anzusprechen, ist Grass unbestritten. Warum Grass sich hier aber ohne Not in Umschweifen nebulös artikuliert und sich gleich zu Beginn nahezu zum Märtyrer stilisiert, ist vollkommen unverständlich. Er befreie sich aus dem Zwang des Schweigens, doch in letzter Konsequenz fehlt ihm offenbar doch der Mumm, Reiter und Ross beim Namen zu nennen. So verschwimmt gewollt oder ungewollt der diametrale Unterschied zwischen einem demokratisch legitimierten Staat Israel und dem Iran, in dem freie Meinungsäußerung, Rechte der Frauen und eine moderne Gewaltenteilung inexistent sind. Nicht Israel hat dem Iran sein Existenzrecht abgesprochen, sondern umgekehrt. Ein literarisches Armutszeugnis Herr Grass und politisch vollkommen realitätsverdrehend. Auch ist Grass ja bei weitem nicht der Erste, wie er vermuten lässt, der berechtigte Kritik an israelischer Politik übt. Nahezu Allgemeingut ist, dass die israelische Siedlungspolitik Unrecht ist, doch eine Patentlösung hat wohl auch Grass nicht zur Hand. Auch die Formulierung einer vom Wahn okkupierten Region wird den Zusammenhängen in keinster Weise gerecht, die viel komplexer sind. Grass‘ Perspektive ist so offensichtlich außenstehend und oberflächlich, dass man in der Tat den Eindruck gewinnt, er möchte nur sein eigenes Gewissen beruhigen. Der Nahost-Konflikt, ein weites Feld, für Günter Grass wohl zu komplex. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, in einer offenen Gesellschaft, wie es der westeuropäische Raum ist, die Dinge direkt und unverklausuliert beim Namen zu nennen. Grass hat sich krass vertan, aber er könnte sich korrigieren. Kritik und Selbstkritik sind legitim. Zensur hat er nicht zu fürchten.

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4 Kommentare zu “Gr(Kr)ass schlecht – Kritik aber legitim.

  1. bravo56
    4. April 2012

    Nein?
    schau dir mal die Reaktionen auf sein Gedicht an, dann verstehst du auch die Passage, in der Grass sagt:
    „Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
    dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
    empfinde ich als belastende Lüge
    und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
    sobald er mißachtet wird;
    das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.“
    Er sieht die Schmähungen voraus und erklärt auch, dass er aus diesem Grund bisher Israel nicht kritisiert hat.

    • zeitspiegel
      5. April 2012

      Ich vermute das Nein bezieht sich auf „Zensur hat er nicht zu fürchten“.
      Zensur kann ich auch nicht erkennen oder ist auch nicht zu erwarten.
      Egal welches Land dieser Erde unter Verdrehung der Sachlage (siehe die
      ersten Sätze meines Artikels)so angegriffen wird, berechtigte Kritik
      an Grass ist die Konsequenz. Im Klartext: So prophetisch ist es nicht,
      wenn man Bockmist verzapft, Schmähungen vorauszusehen. Nicht eine
      Kritik an Israels Erstschlag-Planspielen ist das Problem, sondern
      Grass verdreht hier grob fahrlässig Ursache und Wirkung.

      • bravo56
        5. April 2012

        Jüngere Menschen oder empfindlichere Gemüter könten bei so einem Shitstorm zukünftig schon zur Selbstzensur neigen.
        Kritik an Israel generell als „Bockmist“ zu bezeichnen ist auch nicht sehr zielführend.

      • zeitspiegel
        5. April 2012

        Von generell ist keine Rede. Im Gegenteil. Das ist aber genau das Problem eines „Gedichts“
        über ein komplexes politisches Thema. Jeder interpretiert frei nach Gesinnung, statt sich
        einfach an die Fakten zu halten. Grass hat somit das Thema verfehlt. Widerlege jemand,
        dass der iranische Präsident Israel als Krebsgeschwür bezeichnet und dem Staat das Existenzrecht
        abspricht. Wer ist also Aggressor? Man stelle sich vor, der Iran spräche mit seinem Atomprogramm mal
        eben Deutschland das Existenzrecht ab und läge ein paar 1000 Kilometer näher.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. April 2012 von in Kultur, Politik und getaggt mit , , , , .
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