Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Siri Hustvedt – Sommer ohne Männer

Es ist schon erstaunlich, wie Siri Hustvedts Roman, „Sommer ohne Männer“, in FAZ, Süddeutscher und Zeit gelobt wurde. Wenigstens der Spiegel erlaubte sich, hinter die Oberfläche aus „Vorzeige-Intellektuellen-Paar New Yorks“, „Paul Austers wunderschöne Frau“ und „Hustvedt als Pionierin des neurobiologischen Romans“ zu dringen. Auch Gert Scobel hat sich offensichtlich von der in der Tat wunderschönen Siri blenden lassen, als er ein mehr oder weniger belangloses Interview über Psychoanalyse mit ihr führte (3sat 24.10.11). Wir wollen Hustvedts lyrische Qualitäten nicht bestreiten, aber als Romanautorin ist das Potenzial noch deutlich ausbaufähig, ungeachtet ihres erfolgreichen Ehemannes, dessen Werke man aber auch nicht unbedingt mögen muß. Doch worum geht es in Hustvedts Roman. Eine Frau in den Fünfzigern, nicht zufällig Lyrikerin, wird von ihrem Ehemann wegen einer jüngeren verlassen. Es folgt der Nervenzusammenbruch und in der Folge die Flucht in die Obhut der 90-jährigen Mutter und derer Freundinnen im Altersheim. Als Gegenpol sozusagen werden pubertierende Teenagerinnen in einem Prosa-Workshop betreut. Bis zur Versöhnung mit ihrem Ehemann, übrigens Neurowissenschaftler, werden allerlei oberflächliche Analysen über neurobiologische Abläufe, den Unterschied zwischen Männern und Frauen und das Leben an sich zum besten gegeben. Das alles soll angelehnt sein an das große Vorbild Jane Austen, nur mit etwas mehr intellektueller Würze. Das kann nur schief gehen. Und zwar mit Vorsatz, denn Hustvedt hat sich schlicht nicht genug Mühe gegeben. Weder erreicht Hustvedt Austens literarisches Talent noch geht sie dort in die Details, wo es spannend werden könnte. So bleibt ihr Mann blass und kaum definiert und könnte ebenso Staubsaugervertreter sein, so oberflächlich wird er abgehandelt. Oder sollen wir dies als Strafe für männliche Untreue verstehen? Dass Hustvedt mit der Beschreibung greiser Frauen vor dem Tode und grausamer hormongetränkter Mädchen im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Stühlen sitzt, ist nicht verwunderlich. Das können entsprechende Altersgenossinnen authentischer beschreiben. Und das eine gestandene emanzipierte Frau in den Fünfzigern einen Nervenzusammenbruch generiert, weil ihr Mann sich triebhaft verhält, mag zwar Männern und auch Paul Auster schmeicheln, ist aber aus psychoanalytischer Sicht so einfach zu entlarven, dass Hustvedt es längst wissen müsste: der eigene Narzissmus scheint nicht gerade gering ausgeprägt. So stößt auch übel auf, wie grob Hustvedt zum Teil ihre Protagonisten beschreibt. Von „Mondgesicht“ bis „sonnenverbrannt“ ist alles dabei und was ist bitte schön ein „signifikanter Busen“? So neidvoll plump sieht gute literarische Reflexion nicht aus. Und so kommt am Ende eben nicht Jane Austen, sondern leicht aufgepeppte Rosamunde Pilcher dabei heraus. Wieviel Potenzial aber Hustvedt hier vergeudet hat und als Anstoß für neue Anläufe gelten kann, sei nochmals erwähnt: Ein genaueres „Wie?“ eine Partnerschaft zweier begabter Intellektueller in die Ehekrise gerät und auch damit umgeht, vielleicht auch die Sicht des Neurowissenschaftler-Gattens auf das Geschehen, eine tiefgründigere Analyse des Mutter-Tochter-Verhältnisses oder zumindest die Imagination der naheliegenden Alternative: die attraktive und eloquente Lyrikerin sucht sich selbst einen Liebhaber. Schwer, aber auch spannend, wäre die genauere Beschreibung der Nebenbuhlerin gewesen. Vieles ist möglich, auch aus neurobiologischer Sicht, Frau Hustvedt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. November 2011 von in Kultur und getaggt mit , , , .
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