Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Die Soziologin Eva Illouz im SPIEGEL-Interview – eine kritische Rezension

„Wie funktioniert Partnerschaft heute?“ ist ein wesentliches Thema der aktuellen Zeitgeschichte und somit wird sich auch Zeitspiegel intensiv mit dieser Materie befassen. Da ist es eine gute Gelegenheit, das Interview der an der hebräischen Universität in Jerusalem lehrenden Soziologin Eva Illouz kritisch zu hinterfragen. Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,790592,00.html                                              Nach Illouz ist „der Raum der Liebe heute völlig frei von Normen.“ Sogar „jede Form von Rücksichtslosigkeit“ sei erlaubt. Das ist bestreitbar. Sicherlich sind die gesellschaftlichen Normen liberalisiert bzw. aufgebrochen worden, erfreulicherweise: Scheidung ist möglich, also auch Entscheidung. Doch weshalb sollte Rücksichtslosigkeit erlaubt sein bzw. funktionieren. Eine Beziehung definiert sich ja in der Regel zu einem großen Teil aus  Rücksicht, Verständnis für den Partner. So inhaltsleer sind auch heutige Beziehungen nicht. Mit Rücksichtslosigkeit zu reüssieren, selbst am Ende einer Partnerschaft, ist wohl kaum ein Erfolgsrezept. Eine weitere These ist die der „emotionalen Asymmetrie“ von Männern und Frauen, die wissenschaftlich unbestritten ist. Als Feministin gehe es Illouz darum, diese Asymmetrie zu entlarven. Doch die Analyse ist seltsam anachronistisch. Nach Illouz ist eine Frau, die sich für Familie entscheidet, heutzutage abhängiger vom Wohlwollen des Mannes. Für Männer sei die Familiengründung nicht mehr dringlich. Leider ist diese These weder neu noch falsch, bis auf den eher absurd anmutenden Standpunkt, Frauen seien heute abhängiger als früher. Hier kann nur der Titel des Interviews, frei zitiert, Abhilfe schaffen: „Macht euren Kinderwunsch nicht von Männern abhängig!“ Das ist erfreulicherweise heutzutage erlaubt und auch möglich. „Sex stehe mittlerweile im Zentrum von Beziehungen“. Da hat offenbar eine Feministin vergessen, die Frauen zu befragen. Aus dem Blickwinkel der Männer weder eine große Sensation noch ein Mittel zur emotionalen Herrschaft von Männern über Frauen. Schon hier stößt einem auf, warum Soziologen die Neurobiologie wie der Teufel das Weihwasser scheuen und Feministinnen immer noch im Geschlechterkampf stecken. Eine Beziehung ist immer auch ein Kampf, eine Konkurrenz um kleine Vorteile, aber unabhängig von Frauen- und Männerklischees. Geradezu utopisch und somit auch gefährlich ist Illouz‘ Ansicht „selbst wenn es eine Biologie der Geschlechter gäbe, könnte sie durch soziale Normen verändert werden.“ Norm oder gleich Zwang, Frau Illouz? Nicht verwunderlich, dass Illouz hier von einem Manifest spricht. Befürwortbar ist dagegen Illouz‘ Aussage „dass es nicht unbedingt eine traditionelle Familienstruktur braucht, um Kinder aufzuziehen.“ Warum radikalerweise Männer nur noch als Samenspender auftreten und eine Kommune aus mehreren Müttern gelingen soll, bleibt fragwürdig. Das Ideal der Kommune funktioniert wohl eher weder mit Frauen noch Männern. Und ein guter Vater ist mehr als hilfreich, das sollte auch eine feministische Soziologin gelten lassen. Zusammengefasst, nochmals, „macht euren Kinderwunsch nicht von Männern abhängig“, Soziologen und Feministinnen, beschäftigt euch mehr mit Neurobiologie und Schluß mit Geschlechterkampf und Ideologien. So schließen wir versöhnlich mit der sehr smarten Aussage Illouz‘, dass es „grundfalsch ist, jemanden zu lieben, der einen nicht zurückliebt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Oktober 2011 von in Gesellschaft und getaggt mit , , , , .
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