Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Papst oder ethisches Vakuum

Der Papstbesuch in Deutschland ist willkommener Anlass, um aus allen Richtungen über die Person, die Kirche, Ethik und Moral zu debattieren. Erfreulich! Wider Erwarten wird aber nicht von allen Seiten eingeprügelt. Sehnsucht nach Orientierung? Der Bedarf ist da. Wenn selbst Jakob Augstein (siehe SPON) dem Katholizismus, will eher sagen unserem christlichen Hintergrund huldigt und auch die übrige Presse trotz kaum zurückliegendem Mißbrauchs-Skandals milde gestimmt ist, kann man mutmaßen, was in unserer säkularen Gesellschaft momentan vermisst wird. Ethik und Solidarität. Die übrige Zeit des Jahres füllt fast ausnahmslos die entfesselte, asoziale Finanzwelt die Schlagzeilen. Im Hintergrund demontiert die Wissenschaft zeitgeistgemäß die Festen unseres Wertesystems. Die Neurobiologen und Soziologen erklären uns das Ende von Ethik und Solidarität oder die Auflösung traditioneller Familienstrukturen: Gene sind egoistisch, Patchwork statt ewige Treue. Jeder nach seinem Gusto, mehr allein als zusammen, individuell statt sozial. Verdammt schwer?! Nach mehr als 2000 Jahren ist die Befreiung aus den religiösen Fesseln in der Tat jung, bestenfalls seit der Aufklärung begonnen und erst seit den 60er Jahren bis zur vollständigen Lossagung vom Glauben vollendet. Augstein formuliert hier treffend das Stadium der Pubertät. Viel Kritik ist auf die Kirche niedergeprasselt und vollkommen zu Recht! Doch die Sehnsucht nach Orientierung bleibt. Woran wollen wir den Papst, die katholische Kirche, das Christentum messen. Welche Rolle gestehen wir ihnen zu? Richter, Vater, Prophet? Welche Attribute? Unfehlbarkeit? Menschlichkeit? Wahrheit und Irrtum? Es steht im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich viel wahres in der Bibel. Einiges falsches. Verpflichtet ist das Christentum ursprünglich und auch unwiderruflich der Gerechtigkeit, Solidarität, Barmherzigkeit. Keine Partei kann das für sich beanspruchen. Diese Werte sind per se aus der christlichen Weltanschauung unantastbare Wahrheiten: Nächstenliebe und eine zugrundeliegende Moral. In seiner Rede vor dem Bundestag spricht Ratzinger diesen Konflikt der Moderne an: Was ist wahr? Worin begründet sich Moral? Im Glauben? Vermutlich, zumindest möglich. Im Umkehrschluss können wir als Säkulare konstatieren: eine totalitäre Wahrheit als objektives Faktum gibt es nicht. Um nicht zu philosophisch zu werden: Niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet! Aber es gestaltet das Zusammenleben mit Sicherheit menschlicher, an gewisse Wahrheiten wie Gerechtigkeit zu glauben. Keine Illusion, Pragmatismus. Auch an allgemeingültige Vernunft zu glauben, macht Sinn. Messen wir den obersten Vertreter der katholischen Kirche an seinen Aussagen und prüfen auf vernunftgültig. Auch hier hat -sagen wir besser unerwartet als unglaublich- viel Substanz, was Ratzinger vorträgt. Kaum gewürdigt, da längst überfällig, dennoch revolutionär, seine Legitimation von Kondomen, wenn auch unter Einschränkung. Doch wer erinnert uns sonst daran, dass Sex mit Fortpflanzung und Fortpflanzung mit Verantwortung zu tun hat. Macht hohle Vögelei glücklich? Eine Institution, die sich tausende Jahre mit Ethik befasst hat, muss einen gewissen Schimmer davon haben, oder? Was aber ist mit den großen Verfehlungen der Kirche, den Verbrechen? Surprise: menschengemacht! Gott war es nicht, jedenfalls kein Beweis. Der Gottesbeweis, ein gescheiterter Versuch der Legitimation menschlicher Unfehlbarkeit. Kirche und Papst tragen Verantwortung für schreckliche Verfehlungen: Kriege, Verfolgung, Mißbrauch. Nur Reformen halten lebendig. Machte das Zölibat im Mittelalter noch Sinn, pervertiert es die Nächstenliebe heute zum Mißbrauch. Es gibt vieles anzupacken. Der Glaube an Gerechtigkeit und Nächstenliebe bleibt. Der Papst verschafft sich zumindest Gehör. Auch die weltliche Philosophie ist aufgefordert, sich einzumischen, die Intelektuellen, wer auch immer! Es gibt einige Argumente, dem entfesselten Kapitalismus, den Neurobiologen und den Egomanen dieser Welt zu widersprechen. Sicher ein Zitat: „Wenn wir wüssten, dass es Gott nicht gibt, müssten wir ihn erfinden, um zu überleben!“

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3 Kommentare zu “Papst oder ethisches Vakuum

  1. Ilja
    24. September 2011

    Ein ethisches Vakuum droht mir eigentlich nicht. Trotzdem, die Papstrede war ein intellektueller Genuss, und ich habe auf meinem Blog auch was zu geschrieben.

    Ansonsten, der Punkt bei den egoistischen Genen ist ja, dass zwar die Gene egoistisch sind, aber eben nicht die Lebewesen, die aus ihnen entstehen, sowohl bei Tieren als auch bei Menschen gibt es auf ganz natürliche Art Altruismus. Wegen der egoistischen Gene. Dawkins lesen.

    Und der Kapitalismus ist überhaupt nicht entfesselt, im Gegenteil, der freie Markt ist geknebelt von Staatseinmischungen, die „Verbraucherschutz“ heißen aber nur dem Schutz der großen Konzerne vor Konkurrenz dienen. Die Hetze gegen den „entfesselten Kapitalismus“ ist Angstmache vor der Freiheit, von denen, die die Macht wollen.

    Ein wichtiges Vakuum hat der Papst allerdings angesprochen: Die fehlende Vernunft auf dem Gebiet des Rechts.

    • zeitspiegel
      24. September 2011

      Ich respektiere „liberale“ Perspektiven, auch wenn ich sie nicht teile. Verbraucherschutz
      als Schutz der großen Konzerne vor Konkurrenz zu deklarieren, dafür hätte ich dann
      doch ganz gerne ein paar schlüssige Beispiele? Man kann darüber debattieren,
      ob Freiheit eine Illusion ist, denn „die, die Macht wollen“ sind auch wir aus der Gegenperspektive.
      Der Kommentar scheint mir calvinistische Ursprünge zu haben: „Denen, die hart arbeiten, steht
      auch Wohlstand und Recht zu.“, interpretiere ich einmal frei. „Denen, die im Konkurrenzkampf
      auf der Strecke bleiben, steht weniger Recht zu?“ Almosen oder wirklicher Altruismus?
      Aber Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut und daher wiederhole ich nochmals: Respekt für
      den Kommentar und auch den gut geschriebenen Artikel zur Papstrede.

      • Ilja
        26. September 2011

        Als ein Beispiel sei hier die im Artikel http://www.daviddfriedman.com/Academic/Medicine_Commodity/Medicine_Commodity.html erwähnte verspätete Zulassung von beta-blockern durch die FDA, die wahrscheinlich vielen Tausenden das Leben gekostet hat.

        Worauf es ankommt, ist jedoch das Prinzip: Als Hilfe für den Verbraucher wäre ein staatliches Label, welches Produkte kennzeichnet, die staatlichen Qualitätsstandards genügen, ausreichend. Das Prinzip, Alternativen zu verbieten, ist jedoch eine Entmündigung des Verbrauchers. Es dient aber ganz offensichtlich den etablierten Konzernen, die das, was sie tun, als Standard festschreiben lassen und damit die Konkurrenz nötigen, ähnlichen Aufwand zu betreiben.

        Dies betrifft vor allem Billigkonkurrenz, mit den Armen als bevorzugter Zielgruppe. Ihnen werden Qualitätsstandards und die damit verbundenen Kosten aufgenötigt, auch wenn sie gar nicht daran interessiert sind.

        Wirklicher Altruismus kann nicht vom Staat kommen. Was vom Staat kommt, beruht auf Raub. Und auch wenn ein Robin Hood ethisch weniger verwerflich ist als ein gewöhnlicher Räuber, so ist er doch kein echter Altruist.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. September 2011 von in Politik und getaggt mit , , , , , , , , , .
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