Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Woody Allen: Disneyland in Paris

Die amerikanische Gegenwart ist öde. Eine der wesentlichen Erkenntnisse Allens Films „Midnight in Paris“. Das hatten wir fast geahnt; wobei? Wirklich die ganze amerikanische Gegenwart oder die eines in Nostalgie flüchtenden alternden amerikanischen Regisseurs? In der Tat, man kann in Nostalgie schwelgen, wenn man auf Allens vergangene Werke, wie zum Beispiel „Der Stadtneurotiker“ oder „Manhattan“ zurückblickt, insbesondere, weil diese Filme wenig mit nostalgischem Kitsch als mit realeren Lebensfragen zu tun hatten. Allens europäische „Trilogie“ ist ein künstlerischer Abgesang, um nicht zu sagen Abstieg vor europäischer Fassade in die Untiefen eines oberflächlichen Autors, ähnlich dem Hauptdarsteller, der das Leben nur noch aus dem Blickwinkel luxuriöser Hotelsuites wahrnimmt. Soll man einen verdienten Regisseur, der uns soviel Freude und Denkanstöße gegeben hat in seinem Spätwerk so abstrafen? Ja, man muß! Denn Allen hat die Ansätze noch, die grosses Kino möglich machen. So gesehen in „Vicky, Christina, Barcelona“. Zwar ist auch hier nicht viel authentisch europäisches zu verzeichnen, aber daran sind in ihrer Sehnsucht schon viele Amerikaner gescheitert. Aber Allen gelingt es hier noch, Sinnfragen des Lebens offen zu lassen, ohne sie vollkommen mit profanen Vorstellungen von einer ach so kultivierten europäischen Welt zu erschlagen. Ganz profan wird es dann in „Ich sehe den Mann deiner Träume“ (siehe Zeitspiegel-Rezension). In „Midnight in Paris“ spiegelt sich in amerikanischem Zeitgeist vor europäischer Fassade Oberfläche an Oberfläche. Weder ist die aktuelle amerikanische Historie so eindimensional noch ist die europäische Realität bei weitem so idyllisch wie Allen sie vorgaukelt. Nein, mehr als das: er nimmt sie nicht wahr, er kennt die europäische Realität nicht, zumindest verdrängt er sie oder lässt sie unter den Tisch fallen. Dass in der Gegenwart leben die einzige Lösung ist, erkennt sogar Woody Allens Hauptdarsteller am Ende. Doch sieht die Gegenwart eines in die Jahre gekommenen Allen offenbar ganz anders aus, als das, was es sich lohnen würde, zu beschreiben. Allens Einöde gegen ein vor der Zerreißprobe stehendes Europa oder ein Amerika, das den Gotteskriegern anheim fällt. Es gäbe soviel zu erzählen, wenn Allen einmal wieder in die Schluchten des Lebens eintauchen würde, anstatt davon zu träumen, mit Picassos Muse ins Bett zu steigen. Oder sich zumindest mit den Fragen seines eigenen Lebens zu beschäftigen und sei es der Tod. So verkörpert Owen Wilson aktuell als alter ego den jungen Woody Allen, der -bestenfalls als Slapstick zu verstehen- mit den kulturellen Größen der zwanziger Jahre zusammentrifft, die in Allens Film nur als Karikaturen ihrer selbst zu erkennen sind. Da ist man dann doch mehr als erleichtert, dass europäische Kulturgeschichte sich nicht unter amerikanischer Regie abgespielt hat. Es schwankt zwischen Trauerspiel und Komödienstadl, wenn Toulouse Lautrec als schnuckliges Rumpelstilzchen oder Gauguin als netter Onkel von neben an konterkariert werden. „Midnight in Paris“ erfüllt alle Kriterien eines oberflächlichen Films: Kitsch in Reinkultur! Schlecht! Bleibt dann also doch nur Nostalgie für Allen? Nein, warum in die Vergangenheit schweifen, wenn das Reale liegt so nah. Mr. Allen, setzen sie einen Fuß vor die Tür ihres Luxushotels und kosten sie die Wirklichkeit!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. September 2011 von in Kultur und getaggt mit , , , .
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