Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

In einer besseren Welt – die Entzauberung eines Mythos

Die Dänen sind ja bekanntlich in puncto Lebensstandard und Bildungssystem ganz weit vorne. Nicht verwunderlich also, dass im Mittelpunkt dänischer Filme oft vermeintlich typische Wohlstandsprobleme stehen. Doch anstatt den moralischen Zeigefinger auszufahren, zerpflückt Regisseurin Susanne Bier gekonnt die intellektuelle Fassade „einer besseren Welt“ in unseren scheinbar so entwickelten Wohlstandsgesellschaften. Hat man als privilegierter Erwachsener noch die Möglichkeit, sich sein eigenes Weltbild zu basteln und Illusionen anzuhängen, trifft Kinder mitunter die Realität am härtesten. So stellt sich Anfang des Films die Frage, wer naiv, wer eigentlich Kind und wer eigentlich Erwachsener ist. Das erste Tabu, dass in wohlhabenden Gesellschaften fällt, ist meist die Wahrheit. Der Blick für die nackte Realität. Das mussten schon die Griechen und Römer leidlich erfahren. Anderswo sind Ungerechtigkeit, Gewalt und Lügen bzw. Halbwahrheiten so offensichtlich, dass die Rollen klarer verteilt sind. Eine passende Gelegenheit für Gutmenschen, sich anderswo zu engagieren, wo schwarz und weiß dem Anschein nach klar erkennbar sind. Doch die Urkonflikte des menschlichen Daseins liegen unverrückbar mitten im Zentrum unserer eigenen privaten und hiermit verbundenen gesellschaftlichen Lebenswelten. Wie verhalten wir uns, wenn es hart auf hart kommt? Wenn uns wortwörtlich die Faust im Nacken sitzt? Moral und Pazifismus, ein Privileg oder gar ein Konstrukt der Gutsituierten? „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“ Wer Hobbes widersprechen möchte, sollte erst mal aus seinem Elfenbeinturm hinunterklettern. Mit am fatalsten für eine Gesellschaft ist die Vorgaukelung falscher Wahrheiten. Das führt auch im Film in die Beinahe-Katastrophe. Gewaltlosigkeit endet vor der eigenen Kinnlade und Moral zerbirst wie ein rohes Ei, wenn es ums nackte Überleben geht. Wer sich diesen Wahrheiten verschließt, tut weder der Gesellschaft, noch ihren Kindern Gutes!
Ist der Humanismus jetzt tot? Sind gesellschaftliche Regeln obsolet? Mitnichten! Doch wir müssen uns immer im Klaren sein, dass Moral und Gerechtigkeit ein fragiles Gut sind, das spätestens dann zerbricht, wenn die eigene Existenz buchstäblich mit Füßen getreten wird. Mögen manche schockiert sein, wenn die Luftpumpe Tatsachen schafft oder der Tyrann gelyncht wird. Gewaltpotenzial steckt in jedem Einzelnen von uns. Auch unangenehme Wahrheiten, das offenbart auch der Film im Vater-Sohn-Konflikt, müssen ausgesprochen werden. Schweigen ist tödlich. Danken wir dem dänischen und auch dem europäischen Film im Allgemeinen, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Europa wird des öfteren totgesagt und ertrinkt zuweilen in Selbstkritik, hat sich aber immer wieder erneuern können. Gerade Dank dem Recht auf freie Meinungsäußerung und dem Schutz der Menschenwürde, hart erkämpften und immer wieder zu verteidigenden Werten, leben wir zwar nicht in einer besseren, aber transparenteren Welt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. April 2011 von in Kultur und getaggt mit , , .
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