Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Utopien der Moderne – Part III: Unser Gesellschaftssystem – der Weisheit letzter Schluss?

Stellt man Gesellschaftssystem oder Kapitalismus in Frage, wird man entweder als unverbesserlicher Träumer oder gar staatsgefährdender Extremist abgestempelt. Während Wissen und Technik selbstverständlich fortschreiten, scheint unser politisches System zum Stillstand gekommen zu sein. Dieser Widerspruch wird besonders im heutigen Informationszeitalter deutlich, siehe Ägypten und Tunesien. Aber auch bei uns organisiert sich die Gesellschaft zwangsläufig über Google und Facebook neu. Dagegen ist unser politisches System seit mehr als 60 Jahren in der Struktur nahezu unangetastet. Eine der großen alten Urängste seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, die in unserer heutigen Zeit unbegründete Furcht vor dem Willen des Volkes, blockiert den Fortschritt zu mehr direkter Mitbestimmung, mehr direkter Demokratie mittels Bürgerentscheiden und Volksbegehren (immer noch ein Unwort in Deutschland). Im Zeitalter grenzenloser Informationsfreiheit sind die Gefahren populistischer Demagogie auch dank unserer Medien- und Pressevielfalt relativ gering. Todesstrafe oder Euroabschaffung sind keine Themen für Bürgerentscheide, sehr wohl aber Atomausstieg, Tempolimit oder Schulsystem. Bei Anne Will, Maybrit Illner und Frank Plasberg wird munter diskutiert, das „Volk“ darf anrufen und email schreiben, aber mitbestimmen? Nee. Lobbyisten geben sich vollkommen legitim und selbstverständlich in unseren Ministerien die Klinke in die Hand und präsentieren ihre Sicht der Dinge. Die ein oder andere Kreuzfahrt oder ein Sitz im Aufsichtsrat winken als Dank für die „Bemühungen“ der Abgeordneten, die ja eigentlich Volksvertreter sein sollten. Ein Schelm, wer böses dabei denkt? Durch mehr Bürgerentscheide wäre der Wettbewerb um politisches Gehör, insbesondere der Bevölkerungsmehrheit fairer. Ein weiteres Relikt unseres Gesellschaftssystems ist der weiterhin feudale Charakter unserer Unternehmen. Der Schub der betrieblichen Mitbestimmung ist seit den 70er Jahren weitgehend verpufft. Viele Unternehmen, insbesondere die börsennotierten haben den Betriebsrat fest im Griff und fühlen sich nur den Anlegern verpflichtet. Viele Tarifverträge sind aufgeweicht. Es mag altbacken klingen, doch wer erwirtschaftet denn zu einem nicht unerheblichen Anteil die Gewinne? Direkte und transparente Gewinnbeteiligung, sowie mehr Mitsprache in der Betriebsstruktur (Entlassungen, Verkauf)  gelten vielen Unternehmensfürsten aber als sozialistisch oder gar kommunistisch. Warum eigentlich? Es geht schließlich um fairere Mitbeteiligung, nicht Übernahme. Im Umkehrschluss müssen Arbeitnehmer natürlich auch Abstriche hinnehmen, wenn es schlechter läuft. Vielleicht würde vieles ähnlich entschieden wie schon jetzt, es wäre aber repräsentativer, fairer und transparenter. Und einige, offensichtlich dem schnöden Mammon geschuldete Entscheidungen wären so nicht gefallen (Mannesmann, Hochtief, Opel etc.). Auch die Frage, wie man menschenwürdig mit Millionen von Erwerbslosen umgeht, ist nicht wirklich gelöst. Dabei sind die Zeiten der Vollbeschäftigung bewiesenermaßen vorbei. Ein Sockel von mindestens über zwei Millionen Erwerbslosen ist in unserer rationalisierten und technisierten Welt Fakt (siehe Artikel „Die Illusion der Vollbeschäftigung“).                                                                            Der Bedarf an Reformen leuchtet in einer sich verändernden Gesellschaft im Grunde jedem ein. Es stellt sich nur die Frage, ob die Widerstände zu groß sind (dann muss man sich etwas mehr bemühen) oder die Bequemlichkeit. Jeder bekommt am Ende eben das Gesellschaftssystem, dass er verdient, oder?

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4 Kommentare zu “Utopien der Moderne – Part III: Unser Gesellschaftssystem – der Weisheit letzter Schluss?

  1. vincon, inge
    27. Februar 2011

    Leider bleibt das differenzierte Denken und Sprechen von Politikern völlig auf der Strecke, das kann schon stark beunruhigen!
    Kämen wenigstens einige kritische Jüngere nach, hätte man wieder etwas mehr Hoffnung in einen sich stärkenden sinnstiftenden Demokratieprozess.

  2. Tobias Gauss
    5. März 2011

    Heuchelei als Gesellschaftsprinzip?

    Seit Wochen wird die arabische Revolution in unseren westlichen Medien gefeiert. Doch sowohl unsere Entscheidungsträger, wie auch unsere bequem eingerichteten Gesellschaften scheinen mit den jüngsten Ereignissen überfordert.

    Denn diese Ereignisse stellen unserer Selbstverständnis als Zentrum (USA) oder peripheres Zentrum (Europa) in Frage. Seit vielen Jahrzehnte beruht die Funktionsweise unseres Gesellschaftssytems auf der Existenz einer Asymmetrie in Bezug zu einer unterentwickelten Peripherie, um unsere Konsumbedürfnisse zu stillen. Die Liste ist endlos: Rohstoffe und billige Nahrungsmittel, Herstellung von Billigprodukten, günstigen Arbeitskräften, Delokalisierung, Entsorgung von Sondermüll, Rekrutierung von Prostituierten, Drogenbeschaffung. Aber ebenso um unsere eigenen teuren Güter zu exportieren unter anderem teure Waffensysteme. Von Zeit zu Zeit erlaubt dieser Status quo auch die Entsorgung und eingehende Befragung von Terrorverdächtigen.

    Deshalb sind wir und unsere Eliten mit der Transitionsphase überfordert. Die Aufkündigung des Status quo stellt unbequeme Fragen an uns, an die liebgewonnenen Privilegien, Bequemlichkeiten und Selbstlügen. Sie wirft Fragen auf zu unserem Selbstverständnis als Bürger einer partiziativen Demokratie.

    Haben wir nicht längst aus Bequemlichkeit und Ignoranz das Zepter an selbstgerechte Eliten und narzistische Berufspolitiker abgegeben? Solche, die ihre Dissertationen zumindest nicht selbst schreiben oder auf Kosten jetzt abgelöster Diktatoren in den Urlaub fahren oder mit anderen ohne Scham Geschäftsbeziehungen hegen, um nur ein paar harmlose Beispiele zu nennen.

    Warum freuen wir uns so heuchlerisch über die Ereignisse in Tunesien oder Ägypten?
    Hätten nicht auch wir hätten eine kleine friedliche Revolution bitter nötig. Benötigen wir nicht eine Wende hin zu einer echten Zivilgesellschaft, belebt und gestaltet von Bürgern.
    Bürgern, die nicht nur Konsumenten sind.
    Bürger, die nicht nur alle vier oder fünf Jahre ihre Stimme an Persönlichkeitsdarsteller abgeben, sondern teilnehmen und auf die politische Bühne treten.
    Bürger, die sich bei jeder Konsumentscheidung bewusst sind, dass sie ein Votum abgeben über die Welt in der sie leben wollen, seien es konfliktmineralien tragende Rechner, Billigtextilien, Billigfleisch, Kurzreisen, Drogen oder Prostituierte.

    Ist es nicht an der Zeit in unserem Alltag für die Prinzipien einzutreten, die uns unsere Privilegien sichern. Ist es nicht an der Zeit sie auch mit anderen Gesellschaften und Völkern wahrhaft teilen, auch wenn wir deshalb auf einige Privilegien und Konsumgüter verzichten müssten?
    Ist es nicht die Gelegenheit an einer Welt der freier Völker, zu arbeiten. Völker, die in Rechtststaaten leben, die untereinander frei handeln, deren gemeinsamer Finanzmarkt einer gemeinsamen kohärenten und kompetenten Kontrolle unterworfen ist, die Ideen und Innovationen austauschen. Sollten das Wunder geschehen und Ägypten und Tunesien sich zu solchen Gesellschaften entwickeln, profitieren auch wir letzten Endes mehr davon. Die kooperierenden Demokratien Europas sind neben all den Mängeln der europäischen Institutionen das beste Beispiel für dieses Modell.

    Dann müssen wir aber die Realität schon im Kleinen zur Deckung bringen mit unserem Selbstverständnis. Das betrifft wie oben aufgeführt jeden einzelnen und fordert uns auf unsere Entscheidungsträger an die rechtlichen wie ethischen Verpflichtungen ihrer Mandate zu erinnern. Ein gewählter Repräsentant des Volkes zu sein ist in erster Linie eine Würde und Bürde und kein Privileg. Wir können es dann nicht länger hinnehmen, dass sie die Politik des kleinsten Nenners betreiben, weil sie korrupt und zynisch, feige oder einfach nur mittelwertig und kurzsichtig sind. Das ist keine Utopie, sondern Pragmatismus. Ansonsten ist unser ganzes Gesellschaftsmodell nichts als eine grossangelegte kollektive Heuchelei und wird als solche in die Geschichte eingehen.

    • zeitspiegel
      6. März 2011

      This is real life, Kissinger would say, dear Mr. Gauss.

      • Tobias Gauss
        6. März 2011

        how dare to cite a war criminal?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Februar 2011 von in Gesellschaft, Politik und getaggt mit , , .
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