Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Ein muslimisches Land – ein Essay

Ob Afghanistan, Irak oder Pakistan, viel Kritik wird hier an den Interventionen westlicher Mächte geübt. Und im aktuellen Fall Ägyptens ist dies nicht anders. Kritik, sowohl aus den betroffenen Regionen, als auch in den westlichen Medien und aus der westlichen Bevölkerung. Mal seien die politischen Entscheidungsträger zu zögerlich, mal übten sie zu viel Druck aus, ganz zu schweigen von den offen imperialistischen Vorwürfen. Aber sind die Antworten auf die politischen Fragen wirklich so selbstverständlich? Der Versuch einer Erörterung:                                                                                                                                 Wenn wir davon ausgehen, dass ein nach Expansion strebender Fundamentalismus, der mittels Terror agiert, ein nicht unerhebliches Gewicht in der muslimischen Welt hat, stellt sich die Frage, wie man diesem das Wasser abgräbt. Lassen wir zunächst offen, ob die Keimzellen des Terrorismus im Grenzgebiet Afghanistan/Pakistan ohne Einfluss externer evtl. auch westlicher Interessengruppen entstanden sind. Die Konsequenz war der Afghanistan-Krieg. Während nicht einmal das Primärziel, die Eliminierung der Drahtzieher des Terrorismus gelang, entpuppt sich die Installation eines demokratischen Regierungssystems ebenfalls als Illusion. In einem Land, das seit jeher in Clans unterteilt war, ist eine Zentralregierung im wahrsten Sinne des Wortes Sprengstoff für das zivile Leben, angefeuert noch durch die offensichtlich unlimitierte Waffenzufuhr. So erklärt sich, dass sich manche Afghanen nach dem streng normierten Regime der Taliban zurücksehnen: Lieber Gottesstaat als Bürgerkrieg. Gleiches gilt für den Irak. Selbst wenn man George W. unterstellt, er wollte den Irakern die Freiheit bringen, war der Umgang mit einem Saddam Hussein, der Schiiten und Sunniten in Zaum hielt, unkomplizierter und in Anbetracht der alltäglichen Selbstmordanschläge auch unblutiger. Die einfache Antwort also: Der Westen hält sich besser ganz raus? So mehr oder weniger geschehen im Iran 1979, mit der Folge eines Mullah-Regimes, das die Menschenrechte mit Füßen trat und tritt. Liest man Presseartikel aus dieser Zeit, wurde die Situation damals oberflächlich ähnlich optimistisch eingeschätzt wie aktuell in Ägypten. Die intellektuellen Idealisten unterschätzen womöglich die Energien der Muslim-Bruderschaft, sicherlich im Hintergrund vom Iran und evtl. auch anderen assistiert. Die iranische Revolution lässt grüßen. Die große historische Mitverantwortung, die der Westen am jetzigen Zustand des nahen und mittleren Ostens trägt, machen sowohl aktives Handeln als auch Laissez-faire schwierig. Nicht zuletzt geht es nicht nur um Moral, sondern auch um realpolitische Interessen. Wirtschaftliche Konsequenzen oder Terroranschläge im eigenen Land, gilt es abzuwenden. Mitverschuldet durch den Westen sind Säkularisierung oder ein aufgeklärter Islam mit rein friedfertigen Prinzipien noch Zukunftsmusik. Auch geopolitisch ist der Orient noch lange nicht angekommen, sei es die Kurdenfrage oder Zusammenleben von Schiiten und Sunniten etc. Der Weg dorthin wird wohl unvermeidlich noch einige Konflikte gebären und Opfer fordern. Der Westen wird sich wohl zurückhalten müssen, was ihm einige in der Ägypten-Frage jetzt vorwerfen. Demokratie ist wünschenswert, aber nicht selbstverständlich. Politische Neutralität geboten, soweit nicht schwerwiegende Konsequenzen die Folge sind. Und selbst gutgemeinte Interventionen haben bei weitem keine Erfolgsgarantie. Vielleicht wird uns und den Völkern im nahen und mittleren Osten klar, dass der Weg zur Freiheit und zu einem gemeinsamen Miteinander oder Nebeneinander im wesentlichen, und besonders jetzt in der Hand der Bürger selbst liegt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. Februar 2011 von in Politik.
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