Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Ein General – kein Seelentroester

Nichts liebt die Sportpresse ja so wie Trainerdiskussionen. Und die beginnen je nach Renomée des Vereins ab Platz 16, 10, 6 und beim FC Bayern eben ab Platz zwei. Da ist es selbstverstaendlich, dass Louis van Gaal bei 14 Punkten Rueckstand auf Platz eins branchenueblich in der Kritik steht. Aber was hat Louis van Gaal in der juengsten Zeit eigentlich objektiv falsch gemacht? Es ist eine Analyse wert.                                     Punkt 1: die Torwartdiskussion. Das Hickhack um Manuel Neuer und die geschickte Taktik von Felix Magath fuehren in Konsequenz nachvollziehbar zum Wechsel im Bayern-Tor. Unter 25 Millionen wird Neuer nicht zu haben sein. Geld, dass fuer Feldspieler, z.B. in der Innenverteidigung besser investiert waere. Und wenn 04 erneut international spielen sollte, wird der „Schalker Junge“ Neuer dem Verein nicht zwingend den Ruecken kehren. Kraft gilt als grosses Torwarttalent (schliesslich nicht von ungefaehr die Nr. 2 beim FC Bayern). Wann also, wenn nicht jetzt – die Meisterschaft ist sowieso floeten – das Experiment wagen und einen bald 37-jaehrigen durch einen ambitionierten Youngster abloesen?                                                       Punkt 2: van Bommel. Die Interna will niemand so richtig ausplaudern. Aber das ein alterndes Alpha-Tier wie van Bommel nicht nur Freunde im Team hat, liegt nahe. Und alternde Alpha-Tiere treten im wahrsten Sinne des Wortes auch gern mal zu. Das spuerte schon Tymoshchuk, immerhin jetzt fester Bestandteil der Innenverteidigung und das wuerde auch Gustavo zu spueren bekommen, ein wichtiger Baustein in der Teamerneuerung der Bayern. Harmonie- und Teamgeist-foerdernd waere das wohl eher nicht und spielerisch ist van Bommel ueber den Zenith. Auch Effenbergs Zeit war irgendwann abgelaufen, selbst Ottmar Hitzfeld musste sich hier unberechtigte Kritik gefallen lassen.                                                                                                               Punkt 3: Schweinsteiger. Gut, Sensibilitaet ist nicht grade die Staerke eines van Gaal. Aber eine simple Tatsache zu erwaehnen, um Schweinsteiger etwas Feuer unter dem in letzter Zeit gut gepamperten Hintern zu machen, ist nicht so verwerflich: Unterzeichnet ein Spieler keinen neuen Vertrag, wird er verkauft, erst Recht wenn der Marktwert ueber 30 Millionen Euro liegt. Schweinsteiger spielt ja auch nicht fuer umme beim FC Bayern.                                                                                                Punkt 4: van Gaal. Van Gaal ist unbestritten einer der Besten seines Fachs (aehnliche Kaliber wie Mourinho sind auch nicht gerade pflegeleicht). Und van Gaal hat seinen Charakter: er weiss, was er kann. Befolgt man seine Regeln, ist Erfolg sehr wahrscheinlich. Befolgt man sie nicht, wird es/er ungemuetlich. Widerworte kontraproduktiv. Streicheleinheiten wird man von ihm nicht bekommen. Das erfahren nicht nur die Ersatzspieler, auch ein Ribéry beisst hier auf Granit. Aber Profifussballer sollen nicht jammern, sondern durch Leistung ueberzeugen. Diese Ansicht ist van Gaal nicht uneigen und auch nicht falsch. Objektiv ist ein Olic in Bestform ein Quentchen besser als Gomez, wenn man nur mit einer Spitze spielt. Nebenbei koennte Gomez seine arrogante Torzeremonie mal abstellen und dem Fussballgott etwas mehr huldigen, dass er das Tor so haeufig trifft. Trotz seiner enormen Verdienste fuer den FC Bayern lag auch der in der Selbstwahrnehmung aehnlich „unfehlbare“ Uli Hoeness bisweilen in Entscheidungen falsch (siehe die Muenchner Transferhistorie).           Punkt 5: Beratungsresistenz. Hier schliesst sich der Kreis, denn dieser Kritikpunkt trifft vermutlich zu. Oft kam es bei den vorherigen Trainerstationen van Gaals trotz Erfolgen am Ende zum Zerwuerfnis. Ein General entscheidet eben allein und duldet keinen Widerspruch. Hoeness mag selbst herrisch sein, zugehoert hat er haeufig und daraus seine Lehren gezogen und kluge Entscheidungen getroffen. Ob van Gaal hier die Kurve kriegt und als Teamplayer seine hochrangigen Kollegen haeufiger mit an den Strategietisch nimmt, bleibt offen, bisheriges stimmt eher pessimistisch.                  Punkt 6: verzeihliche Fehler. Die kuehne Ansicht, -als Deutscher darf man es ja sagen- passable Spieler aus der hollaendischen Eredivisie etablieren sich auch in einer europaeischen Spitzenmannschaft, truegt mitunter. Und das Hollaender und kompakte Deffensive zwei schwer zu vereinbare Begriffe sind, ist auch klar. Aber wer die Champions-League gewinnen will, braucht eine exzellente Innenverteidigung, auch wenn man van Gaal zugute halten muss, dass der Markt rar ist (Tipp: Rodnei). Auch das Robben ein bisschen das Lieblingskind von van Gaal ist, sei ihm aus fussballliebhaberischer Sicht verziehen, schliesslich ist Robben mindestens genauso ehrgeizig und zielstrebig wie der Trainer, was auf Ribéry nicht immer zutrifft.  Vielleicht braucht van Gaal einfach auch mehr von den Streicheleinheiten, die er seinen Spielern meist verwehrt: ein Weltklasse-Trainer, selbstredend mit Ecken und Kanten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Januar 2011 von in Tribuenenplatz und getaggt mit , .
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