Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Ernaehrung – natuerlich vernuenftig !

Als erstes sollten wir mit zwei Klischees aufraeumen, die die deutsche Ernaehrungskultur wesentlich beeinflussen: Die „arme“ Lebensmittelindustrie, die aufgrund des Verbraucherdrucks im Preiskampf nur mit Dumping-Preisen „ueberleben“ kann und der „arme“ bevormundete und getaeuschte Verbraucher, der brav alles frisst, was ihm die Lebensmittelindustrie auftischt. Wenn in Deutschland mit Lebensmitteln kein Geld zu verdienen waere, haetten wir nicht zwei Unternehmerfamilien, die mittels Aldi und Lidl zu Multimilliardaeren geworden waeren. Und auch Rewe, eine Marktkette, die eher im oberen Preissegment angesiedelt ist, expandiert stetig. Kurz nochmals rekapituliert: Wie in jedem Wirtschaftszweig geht es auch in der industrialisierten Lebensmittelbranche heutzutage vor allem um Rendite. Und wenn der Konsument nicht weniger teurer essen mag oder kann, dann eben mehr billiger. In den USA, unserem kulturellen Vorreiter, wird schon seit laengerem vor allem ueber Masse statt Klasse Profit gemacht, siehe XXL-Menues und Family-Packs; mit der bekannten Folge, dass auch der Durchschnitssamerikaner deutlich an Masse zugelegt hat. Ein Phaenomen, das auch bei uns im wahrsten Sinne des Wortes Uebergewicht entwickelt. Und ausgerechnet der Lebensmittelmarkt ist einer der am wenigsten regulierten bzw. kontrollierten. So laesst die Politik bzw. die Gesetzgebung der Lebensmittelindustrie im Marketing nahezu freie Hand in der Taeuschung der Verbraucher. Glueckliche Weidekuehe werben fuer Milchprodukte, die aus der Massentierhaltung stammen, natuerliche und naturidentische Inhaltsprodukte sind weder natuerlich noch naturidentisch und eine Mehrzahl der beworbenen Produkte wird scheinbar in Handarbeit in Kleinbetrieben oder beim Metzger um die Ecke hergestellt, obwohl aus vollautomatisierten Fabriken stammend. Man darf die Dreisten exemplarisch ruhig beim Namen nennen: Ruegenwalder Wurst, Lindt Schokolade, Hanuta, Landliebe. Die Auswahl laesst sich beliebig fortsetzen. Es mag vielleicht einleuchten, dass Produkte, die massenhaft in unseren Supermaerkten lagern, wohl kaum vom Bauern um die Ecke stammen. Dennoch vermittelt die Werbung gezielt und irre leitend den Eindruck, wir wuerden ein natuerliches und moralisch unbedenkliches Produkt erwerben. Hier fehlen eindeutig Gesetze, die die Lebensmittelindustrie in ihre Schranken verweist. Und wie uns der juengste Dioxinskandal lehrt, ist eine Ausweitung der Kontrollen im Interesse von uns allen, auch wenn es mehr kostet, notwendig. Doch wo das Ei, auch eine Henne. Unser Konsumverhalten haben wir uns auch selbst mit ins Nest gelegt. Der gedankenlose, teils auch gewissenlose Griff nach dem 30 Cent billigerem Mandarinennetz oder dem Hack fuer 99 Cent ist offen formuliert nicht nur ungesund, sondern auch unmoralisch. Wer Fleisch zum Discount-Preis erwirbt, nimmt mitunter Tierquaelerei in Kauf. Das sollte heute jedem bewusst sein. Branchenuebliche Bilder aus Huehnerfarmen mit auf Kaefigboeden liegenden Huehnerleichen ueber die die anderen Tiere weiter drueberstapfen oder die technisierte Massenschlachtung von Kuehen und Schweinen – da geht auch mal ein Schuss daneben – lassen sich im Informationszeitalter nicht mehr verleugnen. Und wer kauft, macht mit. Wir wollen aber nicht in ideologische Grabenkaempfe abrutschen. Der Fleischverzehr ist eine menschliche Eigenschaft. Die Entscheidung steht jedem frei, Fleisch zu essen oder nicht. Auch anderen Tieren sprechen wir den Fleischkonsum schliesslich nicht ab. Doch der Einzug von Ethik und Moral in den Konsum ist ein Zeichen der Zeit und ein kultureller Prozess, der sich nicht zurueckdrehen laesst. Es geht hier nicht um eine Modeerscheinung. Das Informationszeitalter ruft uns nur wieder in Erinnerung, was uns zwei Generationen frueher noch viel bewusster und vertrauter war: das Bewusstsein fuer Ursprung, Herstellung und Genuss von Lebensmitteln. Das Totschlagargument der Lebensmittellindustrie, es haette frueher schliesslich auch keinen interessiert, wo das herkommt und wie es hergestellt wird, was er isst, ist schlichtweg falsch. Auch geht es hier nicht um eine Luxusdebatte. Lebensmittel sind mehr als ausreichend in unseren Breiten vorhanden. Die Frage ist, wollen wir mehr und mehr abdriften von einer natuerlichen und vernuenftigen Ernaehrung zu einer kuenstlichen und tier- und naturverachtenden Konsumartikelproduktion? Grundlegend hierbei ist aber nicht in erster Linie ein Appell an das Verbraucherverhalten, sondern eine entschieden schaerfere Gesetzgebung hinsichtlich Transparenz, Etikettierung und Vermarktung von Lebensmitteln. Die Politik und somit auch wir sind gefragt. Verwunderlich, dass Die Gruenen dieses Thema nicht offensiver aufgreifen und auf der politischen Buehne nutzen. Ein fuer alle Beteiligten moeglicherweise ueberraschendes Waehlerpotenzial schlummert hier.

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Ein Kommentar zu “Ernaehrung – natuerlich vernuenftig !

  1. vincon, inge
    20. Januar 2011

    Das ist alles richtig.Nur die Harz -Vier Empfänger, denen ist gesundes Essen ziehmlich egal. Hauptsache man wird überhaupt satt. Ebenso die Einverdienerfamilien mitHALBTAGSJOB UND MEHREREN kINDERN; bisher nützen die Schulkampagnen für gesundes Essen wenig, außer es gibt Ganztagsschulen mit gesunden Kantinen. Dennoch muss das Wissen über gesundes Essen steigen! Siehe Artikel! Beim Essen hängt vieles zusammen. Entnervte und gequälte Arbeiter- in jedem Job- entgleisen wohl am ehesten. Beim Essen und Saufen….Die Medien müssten zyklisch die Massentierhaltung präsentieren, denn da vergeht einem der Appetit. Aber natürlich steht dahinter immer eine Lobbymafia, die das zu verhindern weiß. Dennoch ist gesund essen das Ziel!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Januar 2011 von in Gesellschaft.
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