Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Utopien der Moderne – Part II: Die Illusion eines sinnvollen dreigleisigen Schulsystems

Seit den PISA-Studien versucht Deutschland krampfhaft jedes Jahr aufs Neue wieder Boden auf die enteilenden Musterschueler aus Skandinavien et al. gut zu machen. Aber der wesentliche Knackpunkt ist ein strukturelles Problem. Wir wissen es alle nur zu gut, besonders die Privilegierten unter uns, die eine gute Schulausbildung geniessen durften: Bildung ist in Deutschland weiterhin ein Erbrecht und von Chancengleichheit und somit auch echtem Wettbewerb unter unseren Kindern kann nicht die Rede sein. Etwas verstoerend ist hierbei, dass unsere sogenannten Eliten zunehmend gar nichts Verwerfliches daran finden. Doch unser Bildungssystem ist nicht nur ungerecht, sondern haelt bewiesenermaßen den Anforderungen eines modernen Schulsystems nicht stand und schwaecht somit die internationale Wettbewerbsfaehigkeit, was der aktuelle Fachkraeftemangel unterstreicht. Dabei braucht es nicht viel analytisches Denkvermoegen, um sich bewusst zu werden, dass ein dreigleisiges Schulsystem antiquiert ist. Das dreigleisige Schulsystem mag bis in die 70er Jahre noch seine Berechtigung gehabt haben, in Zeiten, in denen es noch Arbeitsplaetze fuer weniger Qualifizierte gab, die auch noch ordentlich bezahlt wurden. Den Hauptschuelern bot sich damals noch eine Perspektive und entsprechend „geordneter“ ging es an den Hauptschulen auch noch zu. Denn wo Perspektive, da auch Motivation. Und seien wir ehrlich, in Orthografie und Algebra waren die Hauptschueler anno dazumals den heutigen auch nicht meilenweit voraus. Die Wirtschaft verlangt heute einfach mehr und benutzt dies nicht zuletzt auch als Druckmittel. Es liegt auf der Hand, dass die heutigen Anforderungen weltweit konkurrierender Maerkte bestenfalls zwischen Hochqualifizierten und Gutqualifizierten selektieren lassen. Fuer alles andere gibt es Maschinen bzw. Computer. Daher braucht man nur 1 & 1 zu addieren (fertig das 2-gleisige Schulsystem) und Deutschland waere einen großen Schritt weiter. Selbstverstaendlich sind hier einige Hausaufgaben zu bewaeltigen: mehr Lehrkraefte, mehr finanzielle Mittel, die Migrantenintegration und die Einsicht, dass nicht Herkunft, sondern Motivation zaehlt. Denn auch dies ist in unserer Gesellschaft mehr und mehr salonfaehig geworden: Wer die finanziellen Mittel hat, schickt seine Kinder auf Privatschulen. Mal ehrlich, wie pervers ist das denn? Der Abschied aus der solidarischen Gesellschaft und die Kapitulation vor Problemen, die -wenn man den Mumm hat – loesbar sind, naemlich der Restauration eines starken staatlichen Schulsystems, wie es uns die skandinavischen Laender vormachen. Als Erben Humboldts sollten wir uns dafuer nicht zu schade sein.

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Ein Kommentar zu “Utopien der Moderne – Part II: Die Illusion eines sinnvollen dreigleisigen Schulsystems

  1. vincon, inge
    13. November 2010

    Um die Arbeitslosigkeit zu verringern ist von der Seite der Bildung und Ausbildung nur ein zweigliedriges Schulsystem sinnvoll:
    je nach Begabung und Berufsvorstellung sollten die Schüler wählen können zwischen dem Realschulabschluss und dem Abitur.
    Weniger begabten Schülern muss man Zeit lassen, wenigstens den Realschulabschluss mit vielfältigen Förderelementen zu schaffen! Das würde jedenfalls weniger kosten als die Arbeitslosenunterstützung. Entsprechend müssten die Lehrer auf diese Abschlussmöglichkeiten hin qualifiziert werden. Es darf keine Jugendlichen mehr geben, die die ewigen Verlierer werden. Manche Jugendlichen brauchen zweifellos länger, um einzusehen, dass sie etwas leisten müssen. Dazu tut Hilfe Not!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. November 2010 von in Gesellschaft, Politik.
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