Zeitspiegel

Humanismus. Pluralismus. Zeitverständnis.

Jonathan Franzen’s neuer Roman „Freiheit“ – ein Glanzstueck des Familienromans!

Mit Superlativen sind Literaturkritiker aus intellektueller Zurueckhaltung ja knauserig. Aber eigentlich gebuehrt dem neuen Roman Jonathan Franzens uneingeschraenktes Lob, gerade weil einige, teils auch unbewusste Widersprueche Kernpunkte der amerikanischen und westeuropaeischen Gesellschaft treffen. Gesellschaften mit wachsenden Selbstzweifeln in Anbetracht der lauernden Konkurrenz aus China und Indien, die -ob nun hegelsche historische Notwendigkeit oder nicht – dem Westen wirtschaftlich, politisch und am Ende auch kulturell (?) den Rang ablaufen. Der Buchtitel Freiheit, ein abstrakter Begriff, der in unseren westlichen Gesellschaften so selbstverstaendlich verwendet wird, ohne dass wir noch genau wuessten, was er beinhaltet. Dagegen der Hunger nach wirtschaftlicher Freiheit und zumindest politischer Macht, wenn nicht Freiheit, und auch kultureller Entfaltung auf dem asiatischen Kontinent (im Buch zumindest bewusst gar nicht so sehr das Thema). Aber nichts ist so ambivalent, zweischneidig, geradezu teuflisch wie der Begriff Freiheit, ein Hauptthema sowohl oestlicher als auch westlicher Philosophie. Das teure Gut der Freiheit zur eigenen Entscheidung, frei waehlen zu koennen, sich fuer gut und boese entscheiden zu duerfen, auch wenn uns die zeitgenoessische Wissenschaft lehrt, dass auch diese Freiheit eine Utopie ist. Zu sehr sind wir gepraegt von Genen und Sozialisation, wie es uns Franzen exzellent am Beispiel der drei Familiengenerationen verdeutlicht. Und das teure Gut der Freiheit in seiner zweiten Bedeutung, eines entfesselten Kapitalismus und einer korrumpierten politischen und wirtschaftlichen Elite, aber auch der Freiheit des Individuums, Fehler zu begehen, sich schuldig zu machen. Denn nur wo Freiheit, ist auch Schuld moeglich. Ebenfalls exemplarisch in den Biografien jeder einzelnen Romanfigur herausgearbeitet. Fuer viele sicherlich ueberraschend, wenn nicht unverstaendlich schliesst Franzens Buch mit einem Happy End und dies ist zugleich auch die offensivste und nicht unwesentlichste Aussage dieses Buches: Freiheit ist und bleibt ein teures wertvolles Gut, das zu bewahren sich lohnt. Denn trotz aller Selbstzweifel, biografischer Abgruende und der staendigen Versuchung, die in der Freiheit liegt, sich neu und anders zu entscheiden, sich gegen die Prinzipien seiner Eltern zu entscheiden, sich fuer die eigenen Interessen zu entscheiden und am Ende doch auch die Wahl zu haben, sich fuereinander sowohl in Familie und Gesellschaft zu entscheiden, das macht Freiheit global zu einem schuetzenswerten Gut. Fuer manchen mag das an Kitsch grenzen oder zu amerikanisch pathetisch erscheinen.  So schreibt Ursula Maerz in „Der Zeit“: „Wir haben es mit solider, weltweit verkäuflicher Literatur zu tun, nicht mit Weltliteratur.“ und liegt hier falsch. Die Frankfurter Rundschau schreibt treffender:“ Ein episch breites gesellschaftliches Panorama der vergangenen 30 Jahre, in dem Lebensentwürfe, Sehnsüchte, politische Haltungen und ökonomische Strategien sich aufbauen, aufeinanderprallen, zerplatzen.“ War Franzens Buch „Die Korrekturen“ schon eine meisterliche Schilderung des Zeitgeistes des fruehen 21. Jahrhunderts, hatten einige zaehe Passagen ueber die Trostlosigkeit eines alternden Ehepaares noch das Lesevergnuegen getruebt. „Freiheit“kommt trotz ueber 700 Seiten weitgehend ohne ermuedende epische Abschnitte aus. Kein Meisterwerk ohne kleine Schwaechen: So stellt man sich als Leser die Frage, aus welchen Urspruengen eigentlich die heftigen Krisen der Protagonisten erwachsen. Insbesondere aus der Sicht nicht-westlicher Rezipienten moegen die Ursachen der scheinbaren Neurosen der Hauptfiguren eher grundlos oder gar dekadent erscheinen. Insbesondere die Biografie einer der Hauptprotagonistinnen, Patty, mag bis auf die Vergewaltigung, die im Buch noch dazu eher nebensaechlich behandelt wird, keinen eindeutigen Grund fuer ihr spaeteres, zum Teil schwer neurotisches Verhalten liefern. Aber gerade das macht ja die freiheitlichen Lebenslaeufe unserer westlichen Gesellschaften aus: der Teufel steckt oft im Detail und der Ambivalenz und auch in der Relativitaet, wie wir Glueck und Unglueck empfinden. Allerdings kaum schluessig erscheint die Sehnsucht Pattys nach sexueller Animalitaet, eher sogar Haerte, einer Frau, die in ihrer Jugend vergewaltigt wurde. Hier muss sich Franzen als oeffentlicher Autor auch hinterfragen lassen, ob eine gewisse Frauenfeindlichkeit eine Rolle spielt. Hierzu passend muss die junge Geliebte einer der Hauptfiguren, des Ehemanns von Patty, grausam das Zeitige segnen: per Autounfall mit gebrochenem Kiefer und zerfetzter Oberschenkelarterie. Oder macht sich hier ein Ventil unbewussten Puritanismus Franzens Luft? Wie dem auch sei, soll dies das Meisterliche dieses Romans nicht schmaelern, denn gerade die unbewussten Anteile machen einiges dieses Werkes aus, wie bei allen grossen Autoren der letzten hundert Jahre. Seien es Philip Roth, Max Frisch, Milan Kundera oder auch Thomas Mann, zu denen man Franzen eventuell in 20 Jahren ebenfalls zaehlen muss, wenn ihm nicht das Missgeschick gelingt, zu bewusst den Erfolg zu suchen. Lesen Sie es.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. November 2010 von in Kultur und getaggt mit , , .
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